Hermy

Ich wollte einen Slam-Text über meine lächerlichen Versuche schreiben, regelmäßig Sport zu treiben, aber bemerkt, dass irgendwie mehr dahinter steckt. Heraus kam ein Text über negative Gefühle, Pädagogik, die Gedankenwäsche, der man sich während eines Hochschulstudiums freiwillig unterzieht und ja, ein bisschen auch über meine Versuche, regelmäßig Sport zu treiben. Sowas kann man nicht auf einem Slam vorlesen, und mal abgesehen davon dauert das niemals nur 6 Minuten. Aber dafür ist es jetzt ein Blogpost, und wer mag, kann ihn gerne lesen und sich davon inspirieren lassen – oder empören.

Ich gehe regelmäßig laufen. Jetzt nicht so super regelmäßig, wie ich das gerne hätte, aber doch des Öfteren und das auch schon seit Längerem. Ich werde auch nie via App in deine Chronik posten „Laura hat mit Runtastic 43,7 Kilometer absolviert, und das ist mehr als du in deinem ganzen Leben laufen wirst, Looser“. Nicht diese Art von Laufen. Ich versuche mir einzureden, dass ich es um des Laufens willen tue, aber das ist natürlich gelogen. Ich laufe auch nicht für mich ganz persönlich, nur um mich gut zu fühlen, das ist vielleicht ein bisschen wahrer, aber immer noch gelogen.

 

Ich laufe für Hermy.

 

Hermy ist an dieser Stelle ein Pseudonym für eine der größten Antagonistinnen in meinem  bisherigen Leben. Sie kommt in meiner persönlichen Reihenfolge der Personen, denen ich am ehesten ein furchtbares Gefühl wie „Hass“ entgegen bringe, direkt hinter Donald Trump und Frauke Petry. Wenn ich an sie denke, muss ich mich sehr bemühen, das Gift und die Galle, die mir spontan hochkommen, bei mir zu behalten. Sie ist meine persönliche Dolores Umbridge. Sie ist der Sauron in der Trilogie meiner Mittelstufenschulkarriere. Sie ist Professor Moriarty in weiblich mit Trillerpfeife. Sie ist eine Sadistin sondersgleichen. Sie ist – Sportlehrerin.

Wahrscheinlich kann sie sich nicht besonders gut an mich erinnern. Oder vielleicht kann sie sich auch sehr gut an mich erinnern. Ich war dieses Kind, das beim Ausdauerlauf ganz weit hinter allen anderen, kilometerweit entfernt hinter dem unsportlichsten aller Kinder, auf der Aschebahn einfach nur ums blanke Überleben kämpft. Ich war beinahe so breit wie hoch. Ich war unsportlich, und das war mir nicht nur im Sportunterricht sehr wohl bewusst. Ich war in der Pubertät und „Weinen über die Unförmigkeit meines Körpers“ meine liebste Freizeitbeschäftigung. In so einer vulnerablen Phase gibt es viele Dinge, die man sehr gut gebrauchen kann.

 

Zurufe wie „Laura, wenn das eine Fünf werden soll, musst du dich anstregen“, gehören nicht dazu.

 

Das Spektrum ihrer Gemeinheiten reichte aber noch viel weiter. Ich hatte das zweifelhafte Glück eine Schule mit eigenem Schwimmbad zu besuchen, was bedeutet: jede zweite Woche statt Sportunterricht – Schwimmunterricht. Für einen dicken Teenager ist das ungefähr gleichbedeutend mit dem fünften Kreis der Hölle. Anstatt eine Technik zu erlernen, wie man literweise Wasser schluckt und wild mit Armen und Beinen rudert, um gegen das Ertrinken anzukämpfen, erlernt man drei bis vier. Dabei würde man doch sowieso oben treiben, und erfrieren würde man auch nicht so schnell wie ein gewöhnlicher Teenager. Nein, obendrauf kommt man noch in den Genuss, die anderen weiblichen Heranwachsenden in Schwimmsachen begutachten zu können und ihrer Makellosigkeit über Jahre hinweg beim Reifen zuzusehen, während man selbst über die Jahre versucht, die immer zahlreicher werdenden Speckringe irgendwie im viel zu engen Badeanzug zu behalten. Ich meine, was soll das. Ich kann mich weigern an den Badesee zu gehen, um dieser Schikane zu entgehen, aber das hilft mir auch nicht, wenn mein Lehrplan diese Tortur vorsieht. Natürlich hätte ich mich durch Entschuldigungen und ein permanentes Vortäuschen der monatlichen Blutung dem Schwimmunterricht entziehen können, doch mein Elternhaus war da anderer Meinung, und mein Ego irgendwie auch. Ich bin mitgeschwommen, jedes Mal, ein verzweifelter Versuch Hermy die Stirn zu bieten, und auch ihr blieb das nicht verborgen. Sie kommentierte das mit „Du bist ein Phänomen. Du schwimmst jedes Mal mit, und bist trotzdem so schlecht.“

Und ich strampelte weiter und zog die abschätzigen Blicke der schönen und dünnen Mädchen auf mich, die Beachvolleyball spielten und die rauchenden Jungs mit Caps und Mofas dateten, die, die tadellos am Stufenbarren jede Übung vorturnten, während ich froh sein konnte, mir beim Abschwung nicht den Schädel einzuschlagen.

 

Das alles – bis auf die gehässigen Kommentare – war nicht Hermys Schuld. Meine Unsportlichkeit – nicht ihre Schuld. Die anderen Mädchen – auf keinen Fall ihre Schuld, wie denn auch. Dass ich dick war – nicht ihre Schuld.

Dass ich es, auch nachdem ich die 3 Jahre Schulsport unter ihr überstanden hatte, geschafft habe eine unförmige Person zu bleiben – vielleicht auch nicht ihre Schuld.

Aber dass ich danach jahrelang nicht einmal im Geringsten daran dachte, in einen Sportverein zu gehen, oder ins Fitness, oder sonst irgendwohin wo man in der Öffentlichkeit oder mit anderen Menschen zusammen sich körperlich betätigt – definitiv ihre Schuld.

 

Und das ist fahrlässig. Ich habe genug gehört über Adipositas. Ich habe genug gehört über die Gefahren, die mit zu viel Speck einhergehen. Ich weiß jetzt, dass Fettgewebe nicht nur einfach da ist, sondern Hormone produziert, und Entzündungsbotenstoffe, und dass es Dinge mit meinem Organismus treibt, die ich nicht will. Dass es ein Risikofaktor ist für Hässlichkeiten wie Krebs und Herzinfarkte, und ungefähr jede Erkrankung, die ich je gehört habe. Und dass Sport all das relativiert. Du musst nicht einmal schlank sein, um dich selbst zu retten, solange du dich bewegst. Du musst dich nur bewegen.

 

Ich begann laufen zu gehen, erst zehn Minuten, dann fünfzehn, mein Gott, ich hatte seit Jahren keinen Sport mehr gemacht, es war die Hölle auf Erden. Ich bin auch bis heute davon überzeugt, dass mir Sport nie wirklich Spaß machen wird, es ist eine heiden Schinderei, man sieht komisch aus dabei und wird rot und fängt an zu stinken, gibt Laute von sich, die man noch nie aus der eigenen Kehle gehört hat – und wenn man fertig ist, klar, dann ist man kurz happy im Endorphinrausch, aber das versiegt, und dann muss man sich ein paar Tage später wieder dazu zwingen, seine müden Muskeln erneut zu martern. Und langfristige Ergebnisse, die lassen auch auf sich warten. Sorry, aber ich werde nie eine Sophia-Thiel-artige Verwandlung hier oder auf Facebook posten können, ein paar Kilo sind runter, aber mehr wird’s nicht. Mein Körper ist auf dem Level, auf dem ich regelmäßig Sport treibe ohne mich massiv in Ernährung und Lebensstil einzuschränken, so wie er ist. Damit muss ich leben. Damit kann ich gut leben. Ich bin in Bewegung. Ich bin vielleicht immer noch ein bisschen dick, aber nicht mehr machtlos.

 

Versteht mich nicht falsch, ich käme nicht im Traum darauf jemanden zu verurteilen, der nicht schlank ist. Wie denn auch! Mir ist auch sehr wohl bewusst, weil ich es am eigenen Leibe erfahren habe und immer noch erfahre, wie viel Druck von außen auf nicht nur junge Menschen oder dicke Menschen, sondern auf jeden Menschen jeden Alters ausgeübt wird. Mir ist bewusst wie gefährlich der Einfluss der Medien hier ist, und wie er uns jeden Tag ein bisschen unglücklicher macht. Und das ist schlimm! Warum wird überall propagiert schlank zu sein? Warum nicht Propaganda dafür einfach „gesund“ zu sein? Warum schwitzen und verrenken sich in Nike-Werbungen nur die sportlichen Leute, und nicht die Herzsportgruppe? Warum gibt es Workout-Programme für „Bauch, Beine, Po“ im Fitnessstudio und nicht für „Herzkranzgefäße, Knochendichte, Krebsprävention“?

 

Genug davon. Zurück zu Hermy. Jahrelang habe ich nicht an sie gedacht, doch seit ich laufe, denke ich sehr oft an sie. Ich denke darüber nach, ihr einen Brief zu schreiben. Vielleicht sollte ich mich bedanken für den Widerstand, den sie in mir geweckt hat. Vielleicht auch für die Chancen, die ich auch durch sie hatte: Ich war nie im Beachvolleyballverein und konnte wegen meiner Looks die coolen Typen daten. Ich musste eine Persönlichkeit entwickeln, um mich interessant zu machen. Wer weiß, wenn ich so ein hübsches Bikini-Mädchen gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nie den besten Mann kennen gelernt und wäre vielleicht einfach Sportlehrerin geworden, um ewig dieses einfache Leben am coolen Ende der Schulgesellschaft leben zu können. Am Ende ist alles gut so, wie es gekommen ist, aber dass sie mir die Lust am Sport endgültig geraubt hat, darauf bin ich noch immer sauer.

 

Es gibt da ein Foto von mir. Letztes Jahr im September habe ich beim Einstein-Marathon mitgemacht und bin über zehn Kilometer gestartet. Ich habe sensationell lange gebraucht und ein Freund, den ich nach dem Zieleinlauf getroffen habe, hat es von mir gemacht. Ich sehe auf dem Foto müde aus, aufgedunsen, verschwitzt, rot im Gesicht und glücklich. Mein Team-Trikot ist sehr unvorteilhaft. Ich habe die beste Teilnehmerurkunde in der Hand, die ich je bekommen habe, und eine hässliche Medaille um den Hals, von der ich heute nicht weiß, wo ich sie aufbewahren soll, aber sie auch nicht wegwerfen will.

Vielleicht sollte ich ihr das Foto schicken und einen Dreizeiler.

 

„Sehr geehrte Frau H, ich bin vor nicht allzu langer Zeit zehn Kilometer am Stück gelaufen, ohne zu müssen.

Nicht wegen Ihnen.

Sondern trotz Ihnen.“

Ein Kommentar zu „Hermy

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