Ein modernes Märchen

Ein bitterböser Text über die Qual der Wahl, das Leben in Freiheit und die unangenehme Situation, in der man sich befindet, wenn man heutzutage in unseren Breiten Anfang 20 ist.

Das Bild zeigt mich auf einer längeren Reise in Australien und würde tatsächlich ein gutes Facebook-Titelbild abgeben!

Es war einmal ein Mädchen, das trug den Namen Lina. Lina hatte lange blonde Haare, ein ganz sympathisches Gesicht mit braunen Augen und einen recht durchschnittlichen Körper, was alles nicht spektakulär, aber doch recht gut anzusehen war. Lina war die Tochter eines Bankangestellten und einer Gerichtsvollzieherin, weiß, privilegiert, gebildet, wohlhabend, frei und reflektiert. Sie mochte es, Bücher zu lesen, spazieren zu gehen, sich mit anderen Menschen ihres Standes zu treffen und Kaffee zu trinken, und ganz allgemein das Leben zu führen, das ihre Eltern sich für sie gewünscht hatten.

Weil Lina das für eine gute Idee hielt, machte sie eine Ausbildung auf der Bank. Das reichte ihr jedoch noch nicht für ihren geistigen Horizont, mit Abitur kann man schon mehr für sich erwarten, also ging sie an die Universität und studierte noch ein wenig. Betriebswirtschaftslehre und Amerikanistik. Zukunftsorientert, international, durch und durch vielversprechend.

 

Eines Tages merkte Lina, dass es ihr nicht gut ging. Das Feuer, das früher in ihr gebrannt hatte, schwelte nur noch vor sich hin. Sie tat Dinge nicht mehr mit Begeisterung. Sie hörte nicht mehr gerne ihre Vorlesungen. Selbst der Kaffee schmeckte ihr nicht mehr so gut wie zuvor.

Also ging sie auf die Suche.

 

Sie fragte sich, ob ihr Studium vielleicht nicht das Richtige für sie war. In einem Frauenmagazin las sie: „Nehmen Sie Ihr Leben selbst in die Hand! Diese 4 Frauen fühlen sich nach einem Jobwechsel wie neu geboren!“, und tatsächlich lachten ihr die Frauen von den Hochglanzseiten entgegen. Sie hielt das für eine gute Idee. Sie redete mit Freunden darüber und alle sagten: „Lina, du bist weiß, privilegiert, gebildet, wohlhabend und frei, du hast dein Leben selbst in der Hand, es wäre eine Schande, wenn du nichts daraus machst. Du kannst doch tun was du willst. Tu es doch einfach.“

Und da dachte Lina darüber nach, wie es wohl wäre, einen kleinen Bauernhof zu haben mit ein paar Tieren und das Feld zu bestellen, und wie schön das wäre. Aber dann fiel ihr ein, dass sie ein sehr gutes Abitur gehabt hatte, das kann man ja nicht einfach so wegwerfen, sie bekam Angst, sich irgendwann selbst vorwerfen zu müssen, eine Chance nicht genutzt zu haben. Also schüttelte sie den Kopf. Nein nein, das Studium war schon in Ordnung. Das konnte es nicht sein.

 

Dann stand sie vor einem Spiegel und fragte sich, ob sie vielleicht zu dick war. Aus der Werbung wusste sie, dass „Dick sein“ eine Wahl ist, und sie selbst dafür verantwortlich war, schlank und gesund durchs Leben zu tanzen. Eigentlich brauchte es auch nur Freeletics, Yokebe und eine Low Carb-Diät, alles kein Hexenwerk, das kann jeder schaffen, vor allem eine weiße, gebildete, privilegierte junge Frau wie sie. Es war in gewisser Weise ihre Pflicht, schlank und gesund zu sein, ein gepflegtes Aussehen macht uns erst zu funktionierenden Menschen, und wenn man der Werbung und all den Anderen glaubte, dann traf das auch zu. Lina begann, durch den Park zu rennen und auf ihr tägliches Stück Schokolade zu verzichten, sie trank nur noch Quellwasser und aß gesünder, postete Fotos von grünen Smoothies auf Instagram und auf Parties erzählte sie euphorisch, wie gut ihr das tat. An ihren Zweifeln änderte das nichts. Also schüttelte sie den Kopf. Nein nein, ihr Organismus war schon in Ordnung. Das konnte es nicht sein.

 

Als nächstes fragte sie sich, ob sie vielleicht einmal ins Ausland reisen sollte. Reisen befreien bekanntlich, und außerdem tat das jeder. Wer nicht nach dem Abitur im Ausland gewesen war, gönnte sich eben ein Erasmus-Semester, und all das hatte sie noch nie getan. Dabei war sie weiß, wohlhabend, privilegiert, jung, inzwischen rank und schlank, und auch noch frei! Da wäre sie doch töricht, all das nicht zu tun, außerdem machte es sich hervorragend im Lebenslauf und als Facebook-Titelbild! Also packte sie den Koffer und flog in die Karibik. Als sie dann an irgendeiner Strandbar in der Dominikanischen Republik saß und einen süßen Cocktail aus einer Kokosnuss schlürfte, und ihr der Rücken wehtat von dem unbequemen Hocker, und die Schultern ihr wehtaten vom Sonnenbrand, und sie immer noch nicht wusste, wohin mit all dem Leben und der Leere darin, war sie sich nicht mehr sicher, ob das Glück hier zu finden war. Also schüttelte sie den Kopf. Nein nein, Deutschland war schon in Ordnung. Das konnte es nicht sein.

 

Zurück zuhause saß sie in ihrem ehemaligen Kinderzimmer und betrachtete die Poster an der Wand. Sie fragte sich, ob nicht ein Baby die Lösung all ihrer Probleme sein könnte. Sie war schließlich im besten Alter, um eines zu bekommen, das erzählten ihr die Ärzte und die anderen Frauen, die sie kannte, und vielleicht war es tatsächlich an der Zeit, das in Erwägung zu ziehen. Jetzt war sie noch jung, reflektiert, wohlhabend, weiß und privilegiert! Viele Leute, die sie kannte, hatten ein oder mehrere Kinder. Kinder bleiben zurück, wenn man selbst stirbt, dachte sie, und tagsüber wird einem auch nicht mehr langweilig. Dazu kommt, dass sie einen lieb haben, auch wenn man mal schreit und im Affekt Geschirr nach ihnen wirft. Außerdem erzählten alle, dass Kinder ein großes Glück sind, das man heutzutage auch sehr praktisch in Kitas oder Horten aufbewahren konnte, wenn man nicht Vollzeit-Mutter werden möchte, sondern nebenher auch an der eigenen Karriere basteln. Lina sah sich im Spiegel an und dachte daran, wie das wäre, ein Kind zu haben. Aber sie war sich beim besten Willen nicht sicher, weil ein Kind, das nimmt einem ja auch ganz viele Chancen. Also schüttelte sie den Kopf. Nein nein, keine Mutter zu sein war schon in Ordnung. Das konnte es also auch nicht sein.

 

Da wurde Lina noch trauriger, und noch ratloser. Sie lief wieder einmal alleine durch den Park, und weinte dabei. Sie weinte und weinte, und es schien nie mehr aufhören zu wollen. Es dämmerte bereits, die Straßenlaternen gingen langsam an und warfen gelbe Lichtflecke durch die Nacht. Lina erreichte den Teich, an dem sie immer Rast machte. Sie setzte sich auf eine Bank, wischte sich den Schweiß von der Stirn, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte bitterlich.

Da hörte sie neben sich eine helle Stimme.

 

„Oh, warum weinst du denn so sehr?“

Lina sah auf und traute ihren Augen kaum. Neben ihr stand eine ältliche Dame in einem fließenden Gewand, sie hielt einen zierlichen Stab in der Hand und aus ihrem Rücken ragten zarte Flügel.

„Wer sind Sie?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

„Ich bin die Gute Fee“, sagte die Dame, „Und ich möchte dir helfen. Ich gewähre dir einen Wunsch, in der Hoffnung, dass es dir dann besser geht.“

„Ach, gute Fee“, schluchzte Lina auf, „Wenn ich nur wüsste, was ich mir wünsche! Ich bin jung, weiß, wohlhabend, gebildet, schlank, reflektiert und privilegiert! Ich kann alles haben und mir liegt die Welt zu Füßen. Trotzdem geht es mir schlecht, ich habe immer Angst, mich falsch zu entscheiden, und am Ende entscheide ich dann gar nichts. Ich weiß nicht, was ich will, weil ich alles haben kann.“

Die gute Fee legte die Stirn in Falten und strich sich nachdenklich über das Kinn.

„Hm, das ist ein sehr schwieriger Fall. Aber ich glaube, ich kann dir trotzdem helfen, und dich zu einer glücklicheren Frau machen. Vertraust du mir?“

Lina sah sie aus tränennassen Augen an. Im Gegensatz zu anderen Mädchen aus anderen Märchen hatte sie verdammt viel zu verlieren, deswegen zögerte sie zuerst.

„Ach, fuck it, gute Fee“, sagte sie dann und schlug sich auf den Oberschenkel, „Wer nichts macht, macht auch nichts verkehrt. Mach mich glücklich!“

Die Fee grinste verschmitzt und hob ihren Zauberstab. Sie tupfte damit sanft auf Linas Stirn, und diese fiel sofort hinab in einen tiefen, tiefen Schlaf.

 

Als Lina aufwachte, hieß sie Mary-Ann Hamilton und lebte im ländlichen Wisconsin des Jahres 1951. Sie hatte vier Kinder, Steven junior, Timothy, Daisy und die kleine Emily, und war Ehefrau von Steven Hamilton, der auf der Bank arbeitete und in ihrer Kleinstadt sehr angesehen war. Aus der Schule war sie mit 14 Jahren ausgeschieden. Ihre Aufgaben zuhause waren es, die Kinder zu versorgen, das Haus ordentlich zu halten, die Wäsche zu machen, den Abwasch zu erledigen, Steven warme ausgewogene nahrhafte Mahlzeiten zu bereiten und ab und an mit den anderen Gattinnen eine Partie Bridge zu spielen. Wenn sie studieren hätte wollen, hätte sie das nicht gekonnt. Wenn sie arbeiten hätte wollen, hätte sie das nicht gedurft. An ihr vorheriges Leben konnte sie sich nicht erinnern, und erst recht nicht an die Gute Fee. Hin und wieder ging sie in die Kirche und bat um Erfüllung, dabei weinte sie kleine Tränen. Aber nur sehr kleine Tränen. Denn absolut nichts an dieser Situation war ihre Schuld.

 

Ende.

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