Les Miso-rables

Ich habe, glaube ich, noch nie ein Gericht produziert, das gleichzeitig schmackhaft und ansehnlich war, das sind meiner Meinung nach völlig exklusive Dinge, deren gleichzeitige Umsetzung echten Köchen vorbehalten ist. Um es mit den Worten meiner Mutter zu sagen: „Da wär ja a G’lernter a Depp“.

Was nicht heißt, dass ich es nicht immer wieder versuche. Dieser Text ist Protokoll eines solchen Versuches und – retrospektiv betrachtet – eine Abrechnung mit dem „Kochquartett“.

 

Das Kochquartett ist eine illustre Mischung aus vier verschiedenen, hippen Spitzenköchen, die Woche für Woche im Süddeutsche-Zeitung-Magazin einige ihrer hochgeheimsten Rezepte preisgeben und der „breiten“ Lesermasse des SZM zur Verfügung stellen. Ich lese diese Kolumne gerne und regelmäßiger als man vermuten würde, nicht weil ich ein passionierter Hobbykoch bin, sondern vor allem wegen des Unterhaltungswertes. Nicht selten beginnen die Rezepte nämlich mit Sätzen wie „Einen Sud aus o.g. Wurzelgemüse, Terpinobra, Wildrosenessig, Bachblütenessenz und Scozzabrava ansetzen und 12 Stunden bei kleiner Hitze köcheln lassen, dann die komplettte, unzerteilte Wildschweinkeule darin garen bis der Sud auf ein Zehntel der Ausgangsmenge reduziert ist“ und ja,

  1. das meinen die ernst,
  2. zwei der oben genannten Zutaten sind von mir frei erfunden,
  3. dieses Rezept muss in einer beheizten Badewanne über den Verlauf mindestens zweier Tage zubereitet werden,
  4. anscheinend denkt das SZM, dass es Menschen gibt, die sowas in ihrer Freizeit nachkochen, und das rührt mich irgendwie und macht mich aber auch sehr traurig.

 

Umso glücklicher war ich, als vor Kurzem folgendes Rezept veröffentlicht wurde:

https://sz-magazin.sueddeutsche.de/probier-doch-mal/spaghetti-auf-japanisch-84309

„Rezept für Miso-Spaghetti“ von Hans Gerlach.

Untertitel: Kaum zu glauben, dass darauf vorher noch niemand gekommen ist: Italienische Pasta kombiniert mit fernöstlicher Misopaste hat das Zeug zum neuen Klassiker

(Anm. d. Autorin: Die Lektüre des Rezeptes ist nicht notwendig für das Verständnis des nachfolgenden Textes, lohnt sich aber, um aus erster Hand einen Eindruck von seiner Unschuldigkeit zu bekommen.)

Hans Gerlach beginnt den Text mit einer Lobeshymne auf dieses Rezept, das er schamlos von einem anderen Koch namens Stevan Paul abgekupfert hat, und wäscht sein Gewissen dann rein, indem er diesen Mann in den Himmel lobt. Dann erklärt er, was diese Pasta zur Besten im Westen macht: Sie schmeckt sehr gut.

So weit, so logisch, das Rezept hat für eine Kochquartett-Kolumne unterdurchschnittlich viele Zutaten, von denen ich bei allen eine grobe Idee habe, wo man die um Himmels Willen kaufen kann, ich besitze alle Küchengeräte, die man benötigt, beim ersten Durchlesen versteht man größtenteils, was zu tun ist, und unten dran ist noch so eine Art stilisiertes künstlerisch-wertvolles Tasty-Video für die ganz großen Idioten unter uns (nebenbei bemerkt: Herrlich auch immer die einzelne Kochplatte in diesen Videos, ich hab‘ einen großen Teil meiner Studentenzeit auf sowas gekocht, und glauben Sie mir, es ist nicht so fresh und hip wie das da immer wirkt, es ist eigentlich nur unpraktisch und traurig und Ausdruck davon, dass es in einer Küche keinen Starkstrom gibt).

Meine genauen Gedanken nach Lesen des Textes waren ungefähr folgende:

Spaghetti: Gut, kennt man von „Spaghetti mit Tomatensoße“, hab ich schon mal unfallfrei zubereitet.

Miso: Ok, als Suppe beim Sushi-Essen sehr fein, es gibt hier einen Asia-Laden, geht klar.

Grünzeug: Wird auf dem Wochenmarkt schon zu kriegen sein, und eine banausige Alternative für’s Fußvolk ist mit „Rucola“ auch angegeben, was soll’s, ich versuch mein Glück und dann gibt’s lecker-schmecker Asia-Pasta, die sicher auch kalt gut ist und nachts aus dem Tupper über der Spüle als Reparieressen verzehrt werden kann.

Was soll schief gehen?

(Mahahahhaa. MahahHAHAHAHAHAHAhahaha. Mahahahahahahahaha. Ha.)

Nachdem der Asia-Laden doch nicht mehr da ist, wo er mal war, beginne ich auf dem Wochenmarkt mit dem „Quest for Queller“. Drei unabhängige Marktfrauen haben von diesem Gewächs noch nie gehört, und diese Frauen sind nicht etwa studentische Aushilfen, die vor ihrer Tätigkeit auf dem Markt noch nie eine ganze Sellerieknolle gesehen haben, sondern gestandene Weiber aus dem Ulmer Umland mit urbarem Boden unter den Fingernägeln und diesen Fleecepullis unter den Schürzen, die nur Marktfrauen mit Würde tragen können. Auch die Wörter „Salicornia“ und „Passepierre“ sind ihnen nicht geläufig. Damit steht fest: Dieses Kraut wächst höchstwahrscheinlich nur in Narnia, und SHAME, Hans Gerlach, SHAME, meine Street-Cred auf dem Wochenmarkt ist dank Ihnen dahin, ich kann an diesen Ständen nicht mehr einkaufen, und ich sag Ihnen was, Sie sind schuld, wenn ich meine Gurken ab jetzt bei Lidl hole.

(Werbeeinspieler, Weichzeichner: „Ich würde meine Gurken von Anfang an bei Lidl kaufen“, tröstliche Musik Ende)

Schamesrot nehme ich eine Tüte Rucola an mich und lasse die Marktfrauen mit ihren freudlosen, verunsicherten Augen zurück – ich verlasse den Wochenmarkt überstürzt und vergesse, an den Gewürzständen nach schwarzem Sesam zu wühlen, fällt mir später ein, lass ich dann aber so, weil ich hab‘ weißen Sesam zuhause, und der muss es ja genauso tun.

(Eigentlich klassischer Chefkoch-Move: Unter ein Rezept wie „Karottensuppe mit Kokosmilch“ sowas schreiben wie „Statt Karotten hab ich Sellerie genommen und statt Kokosmilch saure Sahne, hat nicht geschmeckt, ein Stern“ – Glückwunsch, suzzie63, du hast etwas ANDERES gekocht. Ich schäme mich ja schon, aber Hans Gerlach hat sich auch zu schämen, wir sind quitt für den Moment.)

Nach intensivem Googeln finde ich die neue Adresse des Asia-Ladens, und im Asia-Laden mehrere Varianten von Miso-Paste mit ausschließlich japanischer Beschriftung. Wie immer braucht man für das Rezept 25g und in der Packung sind 460g, aber ich habe ja auch vor, diese genialen Spaghetti jetzt öfter zu kochen, also geht das klar. Ich führe folgenden Dialog mit der Ladenbesitzerin:

„Ist das Miso-Paste?“

„Ja.“

„Welche davon ist helle Miso-Paste?“

„…“

„Die hier vielleicht?“ (Ich nehme einen Behälter aus dem Regal)

„… Ja.“

Ich gebe zu, ich hätte vielleicht skeptisch werden müssen und das alles nochmal hinterfragen, aber der Rucola ist in meinem Turnbeutel inzwischen schon arg gequetscht und Hunger habe ich des Todes, also kaufe ich diesen ominösen Behälter und radle nach Hause.

Ich öffne das Rezept, and so it begins.

Um den Druck zu erhöhen, wähle ich statt Spaghetti Capellini, for the fancy fucks, das sind nämlich dünnere Spaghetti, die man noch weniger kochen muss und die in meinem Kopf evtl. an Glasnudeln erinnern könnten (oder so). Das erhöht den zeitlichen Druck natürlich enorm und erfordert eine wahnsinns Koordination der Abläufe. Ich schmelze die Butter und öffne beiläufig die Miso-Paste.

Großer Fehler. Ganz großer Fehler.

Eigentlich muss man das nämlich bestimmt wie bei diesem schwedischen Stinkefisch unter Wasser tun, denn mich umfängt eine Wolke, deren Geruch wenn man ihn wohlwollend beschreiben will, mit „vergorener Bierschiss“ ganz treffend erfasst ist. Ich würge. Der Doseninhalt sieht auch tatsächlich aus wie aufgerührter Elefantendung und ist natürlich NICHT hell. In einer Kurzschlussreaktion (die Nudeln sind durch, die Butter zischt und brodelt wie ein hysterischer Vielsafttrank, und FUCK, man muss den Sesam ja auch noch rösten) rühre ich trotzdem einiges davon in die Butter (es klumpt und brennt an manchen Stellen an). Im letzten Moment denke ich vorm Abgießen daran, dass ein Anteil des Nudelwassers in den Höllensud gehört und denke noch beim Kippen, dass Wasser in Fett doch eigentlich immer eine schlechte Idee ist – ich gehe in Deckung.

Als die erste Explosion vorüber ist, rühre ich, inzwischen den Tränen nahe, in der angeschmorten, stinkenden Miso-Butter. Alles an ihr hat mich so sehr traumatisiert, dass ich es nicht über’s Herz bringe, sie über meine anständig aussehenden Capellini (von Barilla!) zu kippen. Ich lasse das Zeug kommentarlos im Topf stehen und leere ein halbes Glas Pesto über die inzwischen kalten Nudeln. Den tropfnassen Rucola verteile ich darauf, damit der auch weg kommt. Und den Sesam (weiß, angebrannt).

Dazu reiche ich Bierschiss-Mief, der sich nachhaltig in den Polstermöbeln festsetzt, und ein Glas Leitungswasser.

Hat nicht geschmeckt.

Ein Stern.

 

 

 

Epilog: Wohin leert man einen Topf kalt gewordene Miso-Butter (die übrigens eine ganz abartige Haut an der Oberfläche bildet?) – natürlich ins Klo. Allerdings klebt das Zeug sehr gut am Porzellan, und, im Nachklang, dann auch in der Klobürste.

(Falls also jemand in nächster Zeit in meiner Wohnung auf die Toilette muss: meiner Verdauung geht es gut, ich habe kein Alkoholproblem, und n-n-nein, die Klobürste einfach so stehen lassen, das geht in Ordnung.)

Den Rest der Miso-Paste würde ich gerne in Hans Gerlachs Briefkasten leeren, aber ich weiß nicht, wo er wohnt. Sachdienliche Hinweise werden mit einer Portion Spaghetti mit Tomatensoße vergütet.

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