Mit einem Ploppen öffnet Linda die Tupperdose und inspiziert den Inhalt. Der Stand der Dinge ist durchwachsen. Das meiste Gebäck hat den Transport schadenfrei überstanden, bei einem Cupcake ist jedoch die Creme seitlich eingedrückt, bei einem die Spitze des Toppings, bei einem ist die Blüte abgestürzt. Linda beißt auf ihre Unterlippe und beginnt vorsichtig mit dem kleinen Finger alles wieder in Form zu bringen. Sie hätte eine silberne Platte dabei, um die Cupcakes anzurichten, aber die ist noch unten im Auto; Dennis hat sie angerufen und gebeten noch Servietten zu besorgen, und dann hat sie zu viel zu tragen gehabt für einen Gang, und eigentlich hat sie noch einmal runter gewollt, aber dann ist ihr Bernd begegnet und hat sich über die neuen Quartalszahlen ausgelassen, und jetzt ist es zu spät. Sie hat zwei der hübscheren Teller aus der Teeküche geholt und beginnt mit Fingerspitzengefühl die Cupcakes auseinanderzuschieben und sehr vorsichtig herauszuheben, damit es auch nach etwas aussieht.
»Linda!«
Sie zuckt zusammen; sie hat ihren Namen gehört, sieht auf, sieht sich um, aber kann nicht ausmachen, wo es her kam; sie startet einen neuen Versuch. Vorsichtig, um die Creme nicht zu verschmieren, hebt sie einen der Cupcakes aus der Mitte an und –
»Linda!«
Sie zuckt wieder, kann ihn gerade noch ausbalancieren und stellt das Gebäck wieder in die Box. Sie hat es sich nicht eingebildet. Marina steuert auf sie zu mit einem Sektglas in der Hand, breit grinsend.
»Da bist du!«, ruft sie quer durch den Raum und Linda steckt schnell die Fingerspitzen in den Mund, an denen ihre Creme noch klebt. Sie schmeckt sehr balanciert, ist zart schmelzend in der Konsistenz und gerade richtig süß. Gelungen.
»Linda Linda Linda«, plappert Marina, Linda ist sich sicher, dass es nicht ihr erstes Glas ist, so überschwänglich, wie sie herüber paradiert; sie sieht großartig aus. Ein schlichtes Kleid, gebräunte Beine, hohe Pumps, in denen sie sich bewegt, als könnte sie die Zugspitze darin besteigen, die Haare offen schwingend. Linda will glauben, dass sie sehr lange dafür gebraucht hat so mühelos stylish auszusehen; sicher ist sie sich nicht.
»Hiiiiii«, dehnt Marina ihre Silben, »Hiiiiiiii«, flötet sie und als sie angekommen ist, legt sie den freien Arm um Lindas Taille.
»Oh wow, sind die von dir?«, fragt sie als sie die Cupcake-Dose erblickt.
»Ja«, sagt Linda und spürt sich schamesvoll erröten, einerseits für das Kompliment, andererseits für die Tupperdose mit blind gewordenem Deckel, »Ich habe eine Platte im Auto-»
»Wahnsinn, wie du dich wieder VERKÜNSTELT hast!«, sagt Marina, laut, Linda widersteht dem Drang sie zu bremsen und streicht sich eine Strähne hinters Ohr.
»Naja, es war -«, beginnt sie, aber Marina hört nicht zu.
»Ich habe einfach zwei Tüten Pommbären im Supermarkt geholt. Hatte keine Zeit, und es gibt ja sowieso immer viel zu viel Süßkram auf solchen Feiern«, sagt sie, lässig, abwinkend, und Linda spürt ihr Lächeln abrutschen. Wider Erwarten scheint Marina das zu bemerken.
»Aber DIE sehen ja wirklich TOLL aus«, sagt sie mit strahlenden Augen, die kann sie anschalten wie eine Flutlichtbeleuchtung, und sie ist wieder laut, so laut.
»ANKA! Anka, komm mal HER«, ruft Marina und winkt Ann-Kathrin zu sich, die am anderen Ende des Raums mit ein paar Anzügen anstößt, sich breit grinsend von ihnen löst und sobald sie sich umgedreht hat mit den Augen rollt.
»Idioten«, sagt sie als sie bei den Frauen angekommen ist und stürzt ihr Sektglas.
»Wer ist das denn?«, flüstert Marina und stellt sich auf die Zehenspitzen um einen Blick zu erhaschen, »Ach, Decker ist hier? Was will der denn?«, sie kann also doch leise sprechen.
»Sondieren. Spionieren. Profilieren. Mir egal«, sagt Anka. Ihr Lippenstift ist kein bisschen verschmiert und nur wenig davon bleibt am Glas zurück.
»Was ist?«
Marina landet wieder auf ihren Absätzen.
»Achso, ja. Ich dachte ich muss dich retten. Und schau mal was Linda für Muffins gebacken hat«, sagt Marina und fuchtelt mit der freien Hand in Richtung des Buffets, ohne noch einmal hinzusehen, denn ihr Blick bleibt auf die Anzüge geheftet.
»Es sind Cupcakes«, sagt Linda, nicht so selbstbewusst, wie sie es gern gehabt hätte.
»Oh wow«, sagt Anka. Sie sieht die Cupcakes an und Linda die Dose.
»Ist das mit Pflaume?«, fragt Anka höflich.
»Das ist ein Schokoladen-Cupcake mit flüssigem Kern und einem Lavendel-Topping«, erklärt Linda. Die Creme hat sie blass-lila eingefärbt und auf jedem einzelnen Cupcake sitzt eine Blüte. Eine Lavendelblüte. Lavendel.
»Ah, interessant«, sagt Ann-Kathrin. Es ist ihre Verkaufsstimme.
»Möchtest du probieren?«, fragt Linda, »Ich hol’ dir einen raus.«
»Uff, nein danke«, sagt Ann-Kathrin und streicht sich über das Kleid, »So Kalorienbomben kann ich mir nicht erlauben.«
»Ach komm schon!«, ruft Marina, die Augen immer noch beim Herrn namens Decker, »Wir feiern den Abschluss! Da kann man sich was gönnen!«, ruft sie, jetzt Anka zu.
»Wir haben so hart gearbeitet. Du in Sales. Ich im Sprint. Linda – Linda, ohne dich wäre es ja auch überhaupt nicht gegangen, tolle Zahlen, tolle Präsentation, toll – Dennis!«
Marina hat Dennis erblickt, der gerade hereingekommen ist, und sich ein Glas Sekt von einem Tablett nimmt. Er trägt weiße Sneaker zum Anzug, keine Krawatte. Sein Hemd ist oben offen.
»Komm, wir stoßen mit Dennis an!«, ruft Marina und zieht Ann-Kathrin am Arm davon,
»Ich komme gleich«, sagt Linda, aber sie sind schon weg.
Sie atmet tief durch. Jetzt hat sie nochmal kurz Zeit. Mit zusammengekniffenen Lippen versucht Linda die Cupcakes vorsichtig voneinander zu trennen, aber die Dose ist klein und lässt ihr nicht viel Raum für Manöver. Sie greift sich ein Messer aus dem Besteckfach, versucht es damit, aber die Cupcakes kippen nur und dellen aneinander an. Linda atmet tief durch. Sie versucht sich zu konzentrieren, hebt einen an, hat ihn auf der breiten Seite des Messers ausbalanciert – als sie plötzlich jemand von rechts anrempelt. Linda kann nichts tun. Der Cupcake stürzt ab und landet – Topping voraus – auf der weißen Tischdecke des Buffets.
»Sorry!«, ruft Dennis, aber nicht in ihre Richtung, sondern in Richtung der Leute, von denen er sich gelöst haben muss, von denen er wild gestikulierend und lachend rückwärts weggegangen ist, wohl um etwas zu erledigen – und direkt in Linda hinein.
Linda starrt den Cupcake an, der kopfüber neben der Box auf dem Buffet prangt. Sie hebt ihn auf; das meiste des Toppings bleibt kleben.
»Fuck!«, entfährt es ihr, und sie will los, eine Serviette suchen, aber Dennis lässt es nicht zu.
»Linda«, bremst er sie, und als sie Anstalten macht wegzugehen, hält er sie am Arm, »Hey, Linda, Linda, warte mal«, sagt er, »Bleib mal hier.«
»Dennis -«, widerspricht Linda, »Die Sauerei, ich-«
»Nee, jetzt warte mal, schau mich an«, sagt Dennis und dreht sie zu sich,
»Läuft alles?«
Linda versteht die Frage nicht, sie muss auch verwirrt aussehen, denn er erklärt weiter,
»Buffett und alles? Servietten da?«, Linda nickt, deutet auf die Seite des Buffets, wo sie alles platziert hat, »Und genug Sekt auch? Hast du genug Sekt bestellt?«, Linda nickt wieder.
»Die saufen wie die Geier«, sagt Dennis und sein Grinsen wird breiter, »Ich hoffe du bist nicht von dir ausgegangen«, sagt er.
»Ich habe viel bestellt«, sagt Linda und nickt dabei, »Sehr viel, und ich habe eine Liste rumgeschickt mit Buffetbeiträgen, und das Tischfeuerwerk, das du wolltest, steht hinten-«
»STIMMT!«, ruft Dennis, »Das Tischfeuerwerk! Das wollte ich. Das war meine Idee«, sagt er, Grinsen jetzt maximal breit.
»Das holst du später und baust es auf, okay? Aber ich werd’s anzünden. Mal ehrlich – ICH muss es anzünden«, sagt er, und Linda nickt, denkt: Klar Dennis, du musst es anzünden.
»Du bist echt stark«, sagt Dennis, und boxt ihr in die Schulter, »Wenn du da bist, dann läuft es einfach. Aber jetzt hab’ mal ein bisschen Spaß! Wenn du so ein Gesicht machst drückt das die Stimmung«, sagt er, »Hattest du schon Sekt?«
»Nein«, räumt Linda ein, »Ich mache das schnell weg und richte die Cupcakes an und dann-«
»Ach lass doch«, unterbricht Dennis, »Sind doch nur Muffins. Amüsier’ dich lieber. Wir haben den Abschluss. Wir sind die Größten«, sagt er, und lässt den Blick durch den Raum schweifen, auf der Suche nach – Linda weiß es nicht. Irgendwem zum Hände schütteln wahrscheinlich.
»Okay«, sagt sie, »Bin gleich da«, aber Dennis hört ihr nicht zu, denn er hat etwas anderes auf dem Buffet entdeckt.
»POMMBÄREN?«, grölt er, »WIE GEIL!«, und von der anderen Seite des Raumes ruft Marina: »Die sind von MIR!«, und sie zeigen gegenseitig mit dem Zeigefinger auf sich und lachen.
Linda stellt den abgestürzten Cupcake zurück in die Box, irgendwo an den Rand, dann packt sie die Box kurzerhand und stellt sie auf den Fleck. Sie betrachtet alles, während sie sich mit einer zum Raumdekor farblich passenden Serviette die Finger säubert. Es sieht elend aus. Nach Kuchenverkauf im Kindergarten. Linda dreht sich um bevor ihr komplett die Laune vergeht.
Nach einem Glas Sekt muss sie nicht lange suchen. Sie stürzt das erste – es landet direkt in ihrem Kopf. Sie fühlt sich zittrig und dünnhäutig nach den letzten Wochen, und auch nach gestern Abend; bis weit nach Mitternacht hat sie ihre Cupcakes dekoriert, die jetzt in einer schäbigen Tupperdose auf dem Buffet stehen. Lindas Blick schwimmt immer wieder in ihre Richtung davon. Sie verbietet es sich, trinkt noch einen Schluck Sekt. Sie ist fast dankbar, als der Chef sich am Mikrofon postiert und eine salbungsvolle Rede beginnt.
Linda atmet durch. Sie sucht sich einen Stehtisch, um ihr Glas abzustellen und wird prompt von Bernd entdeckt. Er winkt sie her. Es ist zu spät so zu tun als hätte sie ihn nicht gesehen. Sie bemüht sich um ein freundliches Lächeln, aber weiß nicht ob es gelingt. Dann geht sie zu Bernd hinüber. Der Chef ist währenddessen bei dem Part seiner Rede angekommen, in dem er die Dankbarkeit für das erfolgreiche Team zum Ausdruck bringt.
»Dennis«, sagt er ins Mikrofon, und Dennis stellt sich unter allgemeinem Applaus neben ihn, »Was für ein Teufelskerl.«
Bernd schnaubt und trinkt einen Schluck Sekt. Linda hat ihr Glas abgestellt und verschränkt die Arme.
»Teufelskerl«, sagt Bernd ironisch. Er hat blass-lila Topping im Schnurrbart und auf dem Tellerchen, das vor ihm steht.
»Dennis ist ein echter Self-made-man«, tönt der Chef. Auch er wirkt nicht ganz nüchtern.
Bernd schnaubt wieder. Linda versucht ihn zu ignorieren.
»Das ist Code für ›Er hat von Tuten und Blasen keine Ahnung‹«, sagt Bernd. Es ist lauter als Flüstern und macht Linda nervös.
»Streicht die Lorbeeren ein und macht aber selber keinen Finger krumm. Ohne uns zwei und unsere Zahlen hätte er den Abschluss nie hingekriegt«, redet er vor sich hin, fast Zimmerlautstärke, und obwohl er Recht hat, will Linda dass er aufhört.
»Du warst ein halbes Jahr krank«, flüstert sie, um ihn zum Schweigen zu bringen.
»Für meine Bandscheibe kann ich nix«, sagt Bernd und hebt die Hände wie zur Verteidigung.
»Ich sag’ ja nur. Ich hab’ das alleine weitermachen müssen«, zischt Linda.
»Ich hab’ dir alles beigebracht«, behauptet er, immer noch kein bisschen gemäßigt in der Lautstärke. Linda spürt wie sich ihre Stirn in Falten legt, zögert, aber spricht dann doch.
»Trotzdem«, sagt sie, immer noch flüsternd um die Rede nicht zu stören, »Überstunden«, als Stichwort für Bernd und damit er endlich nachdenkt anstatt zu reden, »Wochenende. Weihnachten.«
»Weil du nicht effizient bist und dich zu sehr reinsteigerst«, sagt er ohne zu zögern und trinkt sein Glas leer. Linda schluckt.
»Ich geh’ nochmal ans Buffet«, sagt er und greift seinen Teller. Sein fleischiger Daumen landet in der blass-lila Creme, die noch daran klebt. Linda kann nicht wegsehen.
»Wie war der Cupcake«, fragt sie.
Bernds Gesicht ist ein Fragezeichen. Er sieht seinen Teller an und erblickt das verschmierte Topping. Dass sein Daumen darin liegt scheint ihn nicht zu stören.
»Ach, der lila Muffin«, sagt er und denkt kurz nach, »Schwierig zu essen und innen nicht ganz fertig«, und dann geht er.
Der Chef hat das Mikro übergeben, steht jetzt daneben und lächelt debil, während am Pult die Dennis-Show begonnen hat. Er bedankt sich bei allen möglichen Beteiligten seines Erfolgsprojekts indem er erst ihre Namen ins Mikrofon sagt und nach einer Kunstpause einen obskuren Insider-Witz oder Ausruf nachschiebt, den die angesprochene Person versteht und niemand sonst. Er ist mit dem Mund ein bisschen zu nah am Schaumstoff und die Rückkopplung droht jederzeit.
»Lukas – Am I Right? Der Matze natürlich – Boom Chaka Laka, meine Kerle! Cindy! What eeeeeelse?«, Linda erschauert. Ihr Blick bleibt am Notausgang-Schild in der Ecke des Raumes hängen. Nur langsam kann sie sich wieder zwingen zuzuhören, kann sie Dennis sonore Stimme wieder aufdrehen und das Rauschen in ihren Ohren zurückdrängen.
»Aber es gibt Leute, ohne die so ein Projekt einfach nicht hinhauen kann. Und das sind Menschen, die darf man nicht unter den Tisch kehren. Super Typen, und solche Typen sind heutzutage halt auch manchmal – Frauen.«
Er erwartet Applaus. Er erwartet ernsthaft Applaus dafür, und bekommt ihn auch, sogar ein paar »Wuuuu!«s von Mitarbeiterinnen. Linda stellt sich etwas aufrechter hin.
»Nein, ohne Witz jetzt. Ohne Leute wie diese Frau wäre ich aufgeschmissen. Jedes Team braucht so eine Frau. Sie hält dir den Rücken frei. Sie denkt an alles, woran du nicht denkst. Sie macht eigentlich die ganze Arbeit.«
Gelächter aus dem Publikum. Sie glauben, dass er scherzt.
»Nein, ohne Frauen wie sie gibt es keine Abschlüsse wie diesen. Und weil sie so hart arbeiten, haben sie mehr verdient. Mehr Gehalt, versteht sich, aber natürlich auch – ihr eigenes Projekt.«
Lindas Herz hat zu klopfen bekommen. Sie schließt die Augen. Sie denkt an ihre Abende im Büro. Sie denkt an Last-Minute-E-Mails von Dennis, zehn Minuten vor wichtigen Meetings. Sie denkt an Präsentationen gespickt mit vielversprechenden Zahlen, zu denen das einzige Feedback ist, dass die Hintergrundfarbe der Powerpoint-Präsentation nicht passt. Sie denkt an das Topping ihrer Cupcakes. Handgerührt. Abgeschmeckt. In Form gespritzt. Mit Blüten dekoriert.
»Marina«, sagt Dennis, »Komm’ bitte nach vorne.«
Es gibt tosenden Applaus. Ann-Kathrin formt die Hände zu einem Trichter und grölt. In Lindas Ohren pfeift es.
Aus dem Augenwinkel sieht sie, dass Dennis einen Arm um Marina legt. Sie wedelt mit den Händen vor ihrem Gesicht als würde sie gleich weinen. Sie sieht auch dabei großartig aus, Flutlichtgrinseaugen inklusive. Linda klammert sich an ihrem Sektglas fest, aber das hält nicht viel, sie muss selbst auf ihren weichen Knien stehen.
»Linda!«, ruft jemand, sie sieht hoch, es ist Dennis, der nach ihr ruft und winkt, sie versteht ihn nicht über den Lärm, deswegen beginnt er eine Art groteske Pantomime – sie soll nach vorne kommen, aber warum, für ein Dankeschön etwa, für –
Linda runzelt die Stirn und sieht genauer hin,
Springbrunnen?
Sektkorken knallen?
Orgasmus?
Explosion?
Feuerw-
»Tischfeuerwerk«, formen seine Lippen, und Linda hat verstanden, sie geht los, wie ein Roboter geht sie los, in die Ecke, holt das Tischfeuerwerk, reißt die Packung auf, holt es heraus und trägt es nach vorne, stellt es auf den Stehtisch vor Dennis, der immer noch einen Arm um Marina gelegt hat, Linda ist im Tunnel, sieht niemanden, sieht niemanden an, Dennis kommt auf sie zu, fasst sie wieder an am Arm und dreht sie zu sich,
»Feuerzeug«, sagt er und Linda nickt, sieht sich um, sieht kein Feuerzeug, hat auch selbst keins, sieht auch keinen Raucher, keiner raucht mehr, alle vapen nur auf ihren E-Zigaretten, wieso, fragt sie sich und geht wie auf Schienen aus dem Saal, den kahlen Flur entlang bis zur Teeküche, ihre Schritte hallen merkwürdig und die Geräusche der Feier summen durch die Wände wie ein ausgelassener Bienenstock, oder ist es nur in ihrem Kopf, in der Teeküche angekommen reißt sie die Schubladen auf, erst eine, dann zwei, dann alle anderen auch, kein Feuerzeug ist darin, sie lässt sie alle offen und geht wieder, sie geht wieder den kahlen Flur entlang, ihre Schritte hallen merkwürdig und die Geräusche der Feier summen durch die Wände wie ein ausgelassener Bienenstock, oder ist es nur in ihrem Kopf, sie öffnet die Tür zum Saal.
Das Tischfeuerwerk brennt bereits.
Die Gesichter von Dennis, Marina und dem Chef werden davon erleuchtet, sie lachen, in Zeitlupe.
Die Silhouette von Ann-Kathrin wiegt sich davor, schwungvoll, mit ausgestreckten Armen, sie tanzt, in Zeitlupe.
Die Leute stehen darum herum, ihre Hinterköpfe sind Schatten, sie klatschen, in Zeitlupe.
Linda geht los, in Zeitlupe, und dann immer schneller.
Sie muss nicht weit hinein in den Saal. Nur bis zum Buffet. Sie braucht nur ihre Dose, nur die Dose, dann ist sie weg. Sie erreicht sie unbemerkt. Fast alle Cupcakes sind noch darin. Zwei oder drei sind aus der Mitte herausgenommen worden. Die Toppings der anderen sind fast alle zermatscht.
»Hey, Linda!«, hört sie, und eigentlich will sie nicht reagieren, aber die Stimme lässt nicht locker,
»Hey!«
Es ist Nasrin, ihre Studentin, seit ein paar Monaten im Team. Sie trägt einen todschicken weißen Zweiteiler und hat die Haare im Seitenscheitel. Verwegen.
»Alles gut bei dir?«, fragt Nasrin und sieht ehrlich besorgt aus. Linda denkt nach.
»Gut siehst du aus«, sagt sie knapp zu ihrer jüngeren Kollegin, lächelt, auch knapp, und klappt schnell mit einer Hand die Tupperdose zu.
»Sind die Cupcakes von dir?«, fragt Nasrin, lächelnd.
Linda nickt. Jetzt ist es schwer zu leugnen.
»Sahen gar nicht nach dir aus. So bisschen zerdrückt und gar nicht top angerichtet«, sagt sie.
Linda schluckt, und diesmal ist es so schwer, dass es ihr fast nicht gelingt.
»Aber sie schmecken bestimmt klasse!«, sagt Nasrin mit bestürztem Gesicht und großen Augen.
Linda packt die Dose und drückt sie ihr in den Bauch. Nur leicht. Aber trotzdem.
»Hier, probier’«, sagt sie, »behalt’ die Dose«,
dann dreht sie sich um und geht.
Linda weint nicht an der Bushaltestelle.
Das ist ihr Mantra gewesen in den letzten Wochen, an der Bushaltestelle wird nicht geweint, da hat sie die Arbeit schon im Rücken, und auch wenn es jetzt regnet und sie friert und ihre Tasche seltsam leicht ist ohne die Tupperdose weint sie nicht. Sie zieht die Nase hoch und sieht hinüber zum Taxistand, wo gerade ein Anzug erscheint. Er sieht auf die Uhr, das bestellte Taxi scheint noch nicht da zu sein, und dann herüber. Linda sieht weg. Sie betrachtet ihre Finger, lackierte Nägel, blass-lila, und räuspert sich. Schritte kommen näher. Der Anzug steht neben ihr.
»Decker mein Name«, sagt er und die Hand mit der Uhr hält eine Visitenkarte. Linda starrt ihn an.
»Meine Firma sucht Data Scientists und Projektmanager. Spezialistinnen mit Durchhaltevermögen und hohem Arbeitsethos.«
Sie starrt immer noch.
»Ich habe Sie in der Präsentation letzte Woche erlebt und war beeindruckt. Kein Wunder, dass Sie den Abschluss bekommen haben und nicht wir. Bei den Zahlen«, sagt er, die Visitenkarte hält er immer noch zwischen ihnen, er bewegt sie kein bisschen.
»Kommen Sie nächste Woche vorbei. Dann besprechen wir Näheres.«
Linda zögert. Dann nimmt sie die Visitenkarte aus seiner Hand.
»Die Cupcakes waren hervorragend«, sagt Decker im Gehen.
Linda bleibt zurück. Sie mustert den Firmennamen auf der Karte und ihren blass-lila Daumennagel daneben.
Dann steckt sie sie ein. In ihrer Tasche ist viel Platz.