How to survive 9-Euro-Ticket

Heute Abend im Zug sitzt im Vierersitz mir gegenüber ein kleiner Hund.
Ich weiß nicht, welche Rasse es ist. Vermutlich keine. Er sitzt ganz brav. Ab und zu kläfft er. Er sitzt auf seinem Schwanz, der trotz des (zugegebenermaßen geringen) Gewichts, das auf ihm lastet, munter wedelt. Sonst tut er nicht viel. Zum Glück nichts, was mit Ausscheidungen zu tun hat, denn zwischen dem kleinen Hund und dem Regionalbahnsitz befindet sich: Nichts.
Das Herrchen des Hundes sitzt neben ihm, oder vielmehr, hat seinen Platz neben ihm gewählt; sitzen tut er im eigentlichen Wortsinn nicht. Sein Rucksack steht darauf. Das Herrchen selbst ist auf dem Boden zwischen unser aller Sitze in die Hocke gegangen und hat einige Utensilien auf dem Platz neben mir ausgebreitet. Zigarettenpapier. Tabak. Ein Feuerzeug. Eine halbleere Dose Energy-Drink, die in jeder Kurve umzufallen droht. Er ist jetzt dabei, sich Zigaretten zu rollen, ohne Filter. Seine Koordination ist nicht mehr ganz tadellos, deswegen krümelt er überall hin. Er ist wahrscheinlich Mitte 30, riecht wie ein unglücklicher Mensch, schnieft ab und zu, der Bart raschelt in seiner Maske, die unter dem Kinn zusammengeschoben ist. Er hustet. Ganz bestimmt Raucherhusten, denke ich, ganz bestimmt. Seine Fingerknöchel sind tätowiert. Er unterbricht das Zigarettenrollen, um aus einer stark gebrauchten Plastiktüte dem kleinen Hund einige Leckerli auf den Sitz zu schütteln, die dieser speichelnd aufleckt. Dann dreht er weiter.
Ich bin ein bisschen erleichtert, denn als das Herrchen zuerst in die Knie ging, hatte ich mir Sorgen gemacht weil aufgrund der Gesamtkonstellation befürchtet, dass er sich eine Line Koks ziehen wird. Dankbar, dass mir erspart wurde mir eine Reaktion darauf ausdenken zu müssen, hebe ich mein Buch etwas höher, verschanze mich dahinter und bin froh, bei der nächsten Haltestelle aussteigen zu dürfen. Es wäre trotz allem nicht das Verrückteste gewesen, das in Regionalbahnen schon passiert ist.

Ah, die Regionalbahn. Ein Schmelztiegel an Mikrokosmen. Ein Ort, an dem sich die Bubbeln dieser Welt unweigerlich begegnen, überschneiden, ineinander übergehen und sich dann wieder trennen. Ein Raum für Begegnungen der ersten, zweiten und dritten Art. Eine Herausforderung an den eigenen Schall- und Schutzwall, mit dem wir uns (angesichts der räumlichen Enge leider oft vergebens) gegen die Attacken der Welt verteidigen. An keinem anderen Ort sind wir so sehr und gleichzeitig so wenig Mensch.

Eigentlich seltsam, denke ich, während ich mich an unzähligen Ein-Kubikmeter-großen und daher den gesamten Gang blockierenden Rollkoffern vorbeimanövriere, die von ihren angespannten Eigentümern mehr schlecht als recht an Ort und Stelle gehalten werden. Eigentlich versuche ich doch seit ich „Ted Lasso“ gesehen habe mit einer wohlwollenden Grundeinstellung durch die Welt zu gehen. Eigentlich verdient doch jeder Mensch den „Benefit of the doubt“. Eigentlich lebe ich ein großes „In dubio pro Reo“ und will neugierig sein anstatt zu urteilen. Warum gelingt mir das in der Regionalbahn nicht? Ich sehe doch, denke ich, als ich ohne Anlauf aus dem Stand über einen Trekking-Rucksack mit Luftmatratze und Schlafsack springe (ohne meine Hose im Schritt aufzureißen!), dass der gottverdammte Fuggerexpress so gebaut ist, dass kein mir vorstellbares Gepäckstück auch nur annähernd in die angedeuteten und spärlich über den Zug verteilten Ablagen passt. Das machen die EigentümerInnen der Riesenrucksäcke, Rollmonstrositäten und Einbauschränke, die mir in den Gängen das Weiterkommen versperren, doch nicht mit Absicht. Sie haben immer eine Hand an ihren Sieben bis Achtundzwanzig Sachen, ziehen einmal so alibimäßig dran, um guten Willen zu beweisen, ihr Blick ist verzweifelt, aber auch bestimmt – „Ich nehme dieses Teil hier unter keinen Umständen jetzt weg.“ Warum empfinde ich trotzdem jeden einzelnen Gegenstand, der im Weg steht, als persönliche Beleidigung?, denke ich, als ich mich in den seitlichen Krabben-Gang begebe und den Bauch einziehe um mich an einer Fahrrad-Kinderwagen-E-Roller-Combo vorbeizudrücken, die Wange an die Zugwand gepresst.

Heute ist es sehr warm draußen, ebenso im Zug, und im Zug sogar noch mehr, weil er so voll ist. Ich stehe mit vielen anderen Menschen im Gang vor dem Klo, kann mich nicht festhalten, aber mir dafür sicher sein, dass ich, sollte ich fallen, weich lande: auf einem der anderen Menschen nämlich und wahrscheinlich dann ein anderer auch auf mir. People-Domino. Ich bin ein kleiner Mensch, vermutlich gerate ich in irgendeine Ritze. Was meine geringe Körpergröße aber ebenfalls mit sich bringt, und was ich heute wieder stark bedauere, ist, dass meine Nase auf der genau selben Höhe ist wie die Achselhöhlen der allermeisten Männer. Die des Menschen direkt vor mir ist so eine davon und das T-Shirt, das sie verhüllt, ist schweißdurchtränkt. Es riecht. Der Mann vor mir riecht, und ich weiß, er kann wahrscheinlich nichts dafür. Auch er stand an diesem heißen Tag auf einem überfüllten Bahnsteig, in sehnsüchtiger Erwartung seines einmal wieder verspäteten Zuges, unsicher, ob er am richtigen Ort ist, denn zeitgleich zum verspäteten Zug fährt auf diesem Gleis ein geplanter Zug ab; auch er hat sich umgesehen, unsicher, hat andere Passagiere mit Blicken gefragt, und die haben auch nur mit den schwitzigen Achseln gezuckt. Auch er hat ausgeharrt auf diesem Bahnsteig, im blinden Vertrauen auf die Anzeige, im blinden Vertrauen auf das Ausbleiben einer Ansage, die einen Gleiswechsel doch sicher verkünden würde. Auch er wurde bitter enttäuscht und realisierte das just in dem Moment als vier Gleise weiter eine Regionalbahn einfuhr, die seiner zum Verwechseln ähnlich sah. Auch er begann zu traben und sich der Stampede anzuschließen, die die erzürnte Menge von Bahnsteig Eins zu formen begann. Auch er schaffte es nur knapp in diese Bahn und trotzdem stinkt er mich und meine kleine ungeschickt platzierte Nase jetzt unzumutbar voll.
Und hier, an diesem heißen Tag vor dem übel riechenden Regionalbahn-Klo, dessen Tür alle paar Minuten auf und zu geht, weil irgendwelche Kleinkinder unbedingt mal ein Zugklo von innen sehen wollen; meine Nase vergraben in der schwitzigen Achselhöhle des gestraften Herren von Bahnsteig Eins; meine Rückseite schon wieder angetascht und weggedrückt von kleinen, nassen (weil hoffentlich gewaschenen!) Kinderhänden; ertappe ich mich bei folgendem Gedanken:

„Wie gut, dass das 9-Euro-Ticket bald ausläuft.“

Und ja, dieser Gedanke liegt nahe. Denn alle Macken und Fehler der Deutschen Bahn im Allgemeinen und der Regionalbahn im Besonderen wurden für die Zeit des 9-Euro-Tickets unter ein Brennglas gelegt und beinahe schmerzhaft offensichtlich. Meine These ist: diese Züge sind menschenfeindlich, und deswegen eskaliert ihre Unaushaltbarkeit so lächerlich stark bei ihrer zunehmenden Auslastung.
Es beginnt mit ihrem Layout und Aufbau: Für niemanden gibt es Platz. Nicht für Fahrräder, nicht für Rollstühle, nicht für Kinderwägen, nicht für großes Gepäck. Für wen ist dieser Zug gebaut? Der einzige Fall, in dem die Regionalbahn angenehm nutzbar ist, ist als Fußgänger*in mit Handgepäck, um zwei bis drei Stationen zu fahren und dann zügig wieder aussteigen. Aber wird dieser Zug auch nur dafür genutzt? Allein Modelle wie die günstigen Ländertickets zeigen doch, dass auch weite Strecken darin zurückgelegt werden, und weite Strecken implizieren mehr Gepäck. Das sollte doch einleuchten. Liegt der Fehler dann im Selbstverständnis der Regionalbahn? Will sie U-Bahn sein, wo sie doch eigentlich als ICE genutzt wird – am Ende weil sie günstiger ist, und niemand sich spontan einen ICE leisten kann? Allein schon dafür sind die Züge ungeeignet, und das Thema Inklusion und Barrierefreiheit haben wir damit noch gar nicht angesprochen. (Auf diesem Gebiet bin ich kein Profi und verweise auf Personen, die sich schon real und nicht nur in Gedankenexperimenten damit konfrontiert gesehen haben. Sie berichten besser als ich.)


Weiter geht es mit der Sauberkeit: Warum riecht es immer in diesen Zügen? Weil alle Menschen grundsätzlich bestialisch stinken? Weil niemand sich um die vernachlässigten sanitären Anlagen kümmert? Oder am Ende weil Lüftung und Klimaanlage insuffizient sind, sollten sie denn einmal funktionieren? Natürlich, ich gebe zu, dass auch gute Lüftungen nicht ankommen gegen die Ausdünstungen der 3-Gänge-Menüs, die teilweise in Regionalbahnen verzehrt werden (besonders zu Zeiten der Maskenpflicht, ist ja auch eine geschickte Ausrede, aber vielleicht ist das nur eine haltlose Unterstellung). Und Ja, in Zeiten, als ich mit entblößter Nasen-Mund-Partie keine potenzielle Gefahr für andere Reisende dargestellt habe, konnte auch ich den Reiz einer ausschweifenden Zug-Brotzeit durchaus nachvollziehen und habe für zwei Stunden Zugfahrt eingepackt wie für eine Alpenüberquerung. (Aber immer nach der Grundregel: keine Banane, kein Kohlrabi, keine Leberwurst, einfach aus Rücksicht.) Aber aktuell! Da sollte man doch nicht im Zug essen wollen! Ist das übertriebene Verlangen der Menschen nach Asia-Wok, Döner und McMenü auf der Strecke Nersingen – Leipheim nur dadurch angetrieben, dass sie keine Maske tragen wollen? Oder könnte es auch an der Unzuverlässigkeit der Abfahrtszeiten liegen, an den verpassten Anschlüssen, an den teilweise unschaffbaren Umstiegszeiten, die die vielen Verspätungen haben zusammenschrumpfen lassen? Habe ich nicht auch schon – im Stechschritt trotz mannshohem Gepäck eine volle Bahnhofshalle durchquerend – etwas geäußert wie „Lass lieber was für im Zug holen, wer weiß, wann wir wieder Zeit haben“ (Ja, so rede ich.)? Wären zuverlässige weil auch eingehaltene Fahrpläne nicht ein Anreiz für die Menschen, ihre Nahrungsaufnahme auf außerhalb des Zuges zu verlegen, wo man vielleicht sogar speisen kann wie ein Homo sapiens und nicht wie ein Tier auf dem eigenen Schoß? Wären sogar – und jetzt halten Sie sich fest, die These ist steil – von der Bahn betriebene Sitzgelegenheiten mit Tischen o.Ä. IN DEN BAHNHÖFEN ein Grund für Reisende, lieber dort zu essen? Ihre erworbenen, aber auch ihre selbstgepackten Mahlzeiten? Ich weiß, ich weiß, sehr gewagt, ich träume. (Außerdem gibt es diese Sitzgelegenheiten. Für Premium-Reisende, die sich auch das Bordbistro im ICE leisten könnten.)
„Nicht der Armen Menschen Schlechtigkeit hast du mir gezeigt, sondern der Armen Armut“, so legte es Brecht schon seiner „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ in den Mund, und ich bleibe dabei, das trifft auch hier zu. Nicht nur im materiellen Sinne, sondern auch, wenn man eine Armut an Wertschätzung und Umsicht mit einbezieht: Ich glaube daran, dass wenn man Menschen wie Menschen behandelt, sie sich auch eher wie Menschen verhalten. Wenn man sie in Umstände setzt, in denen sie nicht im Überlebensmodus sind, können sie auch an andere denken und nicht nur an sich selbst. Wenn sie sich wohlfühlen, sind sie auch wohlwollender, gütiger, und können Nächstenliebe nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Wer dagegen gestresst ist, denkt nur an sich selbst. Die Bahn ist nur ein kleines, unbedeutendes Beispiel für diese Maxime.

Aber jetzt, Tacheless:
Würde eine Verbesserung der Nutzbarkeit unserer Züge Menschen davon abhalten, Musik über ihren Handylautsprecher zu hören? Würde sie jeden kleinen Hund vom Sitz verbannen? Würden weniger Menschen im Zug Döner essen? Würden sie versuchen, die Kloschüssel besser zu treffen? Das vielleicht nicht. Aber wir würden es besser aushalten und besser miteinander umgehen. Und abgesehen davon lohnt sich immer das Experiment, mal nachzudenken, warum Menschen sich so benehmen, wie sie es manchmal tun und die sich aufdrängende einfachste Antwort („Weil Menschen absoluter Schmutz sind“) mal nicht zu glauben.

Heute ist es wieder einmal sehr voll im Zug, wahrscheinlich ist irgendwo Fußball, oder irgendwo Volksfest, oder auch einfach nur der vorletzte Gültigkeitstag des 9-Euro-Tickets. Wahrscheinlich alles drei zusammen. Ich für meinen Teil möchte nur von der Arbeit nach Hause und weiter an diesem Text hier arbeiten, und als die übervolle Regionalbahn einfährt, muss ich unwillkürlich lachen – „Be careful, or you’ll end up in my Essay!“ Wie die vielen Menschen vor mir presse ich mich also in den Ausstiegsbereich und komme zwischen Klo, schwitzenden Menschen und einer vollbeladenen Sackkarre zum Stehen. Die Eigentümerin der wirklich pervers aufgetürmten und mit Gurten zusammengezurrten Sackkarre ist eine kachektische ältere Dame und bei ihrem Anblick sind sich sofort alle Mitreisenden gewiss, dass nicht sie die Karre aus dem Zug heben wird, sondern wir. Alle im Umkreis von einem Meter mustern das Ungetüm bereits und versuchen möglichst klein und unfreundlich auszusehen, damit der Kelch an ihnen vorübergeht, aber dafür haben manche von ihnen zu volles Haupthaar, zu aufgepumpte Muskeln, zu gütige Augen. Die Dame versucht immer wieder Blickkontakt aufzubauen und natürlich erwischt sie als erstes mich (weil ich zu nett bin und weil ich als einzige meine Maske korrekt trage, denke ich im Nachhinein).
„Könnten Sie das hier kurz halten damit es nicht umkippt, ich müsste auf die Toilette“, fiept sie, ich kann natürlich nicht ablehnen. Wir drängen uns – ohne Sturz und osteoporotische Frakturen zu provozieren – aneinander vorbei und dann komme ich hinter der Karre zu stehen. Ich schlucke. Alles, was sich darauf befindet, sieht maximal abgeranzt aus, riecht aber wenigstens nicht (zumindest nicht durch FFP2 hindurch). Auch die Frau selbst wirkt einigermaßen gepflegt. Ich atme tief durch und packe die Griffe der Karre, die – Heiligemariamuttergottes! – brutal schwer ist. Brutal. Bestimmt 100 kg. Keine Ahnung, wie das Monster hier hereinkam. Das Licht über dem Klo leuchtet rot auf, belegt, und ich warte. Und warte. Es dauert. Langsam bricht mir der Schweiß aus, nicht nur, weil es so schwer ist; für jeden, den die Szenerie betritt muss es so aussehen, als wäre es meine Karre! So schnell ist man der Psycho im Zug, denke ich, sehe in die Leere, möglichst teilnahmslos und mit möglichst wenig Interesse am Krempel vor mir, um den Schein aufrecht zu erhalten. Die Dame ist noch nicht zurück. Es dauert wirklich lange. „Was“, flüstert mein hinterfotziges immer zum Katastrophieren bereites Gehirn in mein Ohr, „Wenn sie auf dem Klo gestorben ist.“ Sofort kriege ich Puls und Blutdruck. Was dann? Ja, was dann? Mal abgesehen davon, dass ich zum medizinischen Personal an Bord gehöre und Erste Hilfe leisten müsste pi pa po: Was mache ich mit der Karre? Eine Sackkarre kann man nicht einfach so im Zug stehen lassen! Ich werde die Karre als meine eigene annehmen und aus dem Zug transportieren müssen! So schnell ist man die alte Dame im Zug, denke ich, so schnell ist man der Güte anderer ausgeliefert. Und dann? Erstmal auspacken? Alles sichten, Lebensmittel an die Tafel, Kleider an Aktion Hoffnung, Möbelstücke direkt Sperrmüll? Oder auf dem Antikmarkt probieren, den Erlös dann spenden? Vielleicht auch behalten, abschleifen, neu lackieren, It-piece schaffen, in den Flur stellen, ein Deckchen drauflegen, Besuchern lachend erzählen „Ihr werdet nicht glauben, wo ich diese Kommode her habe“?
Doch da schaltet das Licht der Toilette auf Grün. Ein Stein so schwer wie die Sackkarre fällt mir vom Herzen. Die ältere Dame läuft nicht so gut, aber kommt wohlbehalten bei mir an. Irgendwas hat sie in der Hand, es sieht nach Klopapier aus, und das beunruhigt alle Anwesenden sichtlich. Sie bedankt sich höflich bei mir und beginnt dann, mit dem (sauberen! Wie sich herausstellt) Klopapier fein säuberlich die Griffe abzuwischen, überall da, wo meine Hände waren. Während ich daneben stehe. Ich sehe ihr zu. Ich will irgendetwas sagen, aber denke dann, sie hat ja recht. Ich weiß ja selbst, wo meine Hände heute schon überall waren. So schnell ist man die Eklige, denke ich.
„Ich bin 72“, fängt die Frau an und ich ergebe mich in mein Schicksal der Gesprächspartnerin, darin habe ich mit Halten der Sackkarre schon eingewilligt, ich füge mich ja schon, „Und das sind Umzugssachen einer Freundin. Sie ist 94!“
„Ein stolzes Alter, da sammelt sich einiges an“, sage ich, auf die Sackkarre deutend, zur Belustigung der Umstehenden.
„Ich habe ihr versprochen, ihr alles so bald ich kann zu bringen. Und heute war die letzte Gelegenheit“, sagt sie. Auf einmal werde ich traurig.
„Wahnsinn, dass sie das mit dem Zug machen“, sage ich. Die Dame lächelt und zuckt mit den Schultern. Ich will eigentlich fragen, kann Sie niemand fahren, hat Ihre Freundin keine rüstigeren Angehörigen, aber ich spare es mir. Es wird Gründe geben. Und schließlich gibt es in diesem Regionalbahnvestibül so einige junge Männer, die ihr helfen werden. Ich bewundere einfach ihr Vertrauen in die Güte der Welt um sie herum, und dass sie damit Recht behalten hat.

Darf ich mich also freuen, wenn das 9-Euro-Ticket jetzt passé ist?
Schließlich werden meine arbeitstäglichen Fahrten sicher wieder angenehmer werden, und jede arbeitende Person weiß, wie sehr man das manchmal nach einem anstrengenden 8- bis 12-Stunden-Tag braucht. Aber wer bin ich, so rücksichtslos auf leere Züge zu pochen, die exklusiv für mich durchs Land fahren? Die Menschen brauchen, wollen und nutzen günstige umweltfreundliche Mobilität. Und sie nehmen dafür so einiges in Kauf, das haben sie jetzt bewiesen.

Also, alle Berufspendler und alles Bahnpersonal: Kurz durchatmen jetzt. Die Pause genießen. Und dann hoffen, bangen, Briefe schreiben, die Nachricht verkünden: Wir brauchen einen Nachfolger für das 9-Euro-Ticket. Und eine ordentliche Bahn-Infrastruktur mit modernen, durchdachten, zuverlässigen, geräumigen Zügen. Denn damit kommen wir gefühlt bis ans Ende der Welt (d.h. Sylt) – und wenn wir konsequent bleiben, vielleicht auch knapp dran vorbei.

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