Leichen

Eigentlich war der Moment viel zu kurz, als dass er sich derart in Hannes Gedächtnis hätte einbrennen können. Im Vorbeifahren bei 120 km/h hatte er den Fuchs nur aus dem Augenwinkel gesehen, doch das Bild zog seinen Blick wie magisch an und blieb auch in den Momenten danach gestochen scharf und glasklar als Nachbild auf seiner Netzhaut zurück.

Der Fuchs lag regungslos, sein rostrotes Fell wurde vom Fahrtwind der passierenden Autos in einer steten unwirklichen Brise bewegt. Nennt man das bei Füchsen nicht Pelz?, sollte sich Johannes im Nachhinein fragen und sich dennoch auf Fell festlegen, denn die Haare wirkten so fein, so spielerisch leicht, dass „Pelz“ ihm als Wort unangebracht vorkam. Das Tier lag mit dem Gesicht in Fahrtrichtung, sodass Hannes zumindest dieser Anblick erspart blieb. Die Ohren ragten spitz hinter dem Körper hervor. Seine vollkommene Reglosigkeit verstörte Hannes, erklärt wurde sie durch die Blutlache, in der er lag. Der Fuchs war tot. Überfahren, durch einen Fahrer, wie auch Hannes einer war.

Vielleicht lag es an seiner Tagesform, vielleicht war es ein totes Tier an der Schnellstraße zu viel. Hannes ließ der Fuchs nicht mehr los. Die ganze Fahrt über war er ungewohnt versunken in seine Gedanken, die um das Ableben des Waldtieres kreisten.

Hatte der Fuchs gelitten? Vom Anblick allein ließ sich das nicht sicher sagen. Es gab eine Blutlache, ja, und, die war unter dem Fuchs und nicht etwa weiter verteilt, es hatte nicht so gewirkt, als wäre das Tier noch verletzt umhergestreunt, um Deckung zu suchen, Zuflucht, vielleicht auch um vergebens die Wunden zu lecken. Aber wer sagte, dass er nicht qualvoll verendet war? Reichten 120 km/h aus, um einen Fuchs dieser Größe sofort zu töten? Natürlich wirkten wahnsinnige Kräfte bei solchen Geschwindigkeiten, aber waren sie groß genug? Warum lag der Fuchs am Rand der Straße? Wurde er dorthin geschleudert? Oder wurde er beim Queren erfasst, schwer verletzt, und rettete sich zurück auf den Seitenstreifen? Erst neulich war ein anderes großes Tier mitten auf der Straße zu Tode gekommen, und hier musste Hannes über den Kadaver fahren und somit die Fragmente aus Knochen und Pelz und die sonstigen verflüssigten Bestandteile des einst belebten Körpers weiter über die Bundesstraße verteilen. Auch das war traurig gewesen, hatte ihn aber nicht so seltsam berührt wie der tote Fuchs. War es Tag oder Nacht als er starb? Vermutlich Nacht, als nachtaktives Tier – aber spielte das eine Rolle? Entschuldigte das den Fahrer, der vielleicht weniger Chancen hatte, zu reagieren? Entschuldigte das eine Zivilisation, die Verkehrsmittel und Straßen baute, auf denen täglich so viele unschuldige Leben blieben? Die mit roher, unkontrollierter Gewalt unter den Rädern des Fortkommens buchstäblich zerfetzt wurden? Hannes war unwohl, er rollte die Schultern, setzte den Blinker.

Was bin ich für ein Mensch, dachte er sich, dass ich immer noch Teil dieses Leides bin? Muss ich mit dem Auto zur Arbeit fahren? Muss ich an einem anderen Ort arbeiten, als ich wohne? Habe ich wirklich keine Wahl? Muss ich meinen Arbeitsweg durch das Revier dieses unschuldigen Tieres legen?

Ist es mir wirklich unter keinen Umständen möglich, mein Leben effizienter zu gestalten, der Umwelt zu Liebe? Oder ist es mir das einfach nicht wert?

Hannes ordnete sich in die rechte Spur ein.

Was, wenn jeder Mensch konsequent bliebe, und sich einen heimatnahen Arbeitsplatz suchen würde? Wenn nicht jeder davon ausgehen würde, „Das ist halt so, so ist mein Leben gerade, manche Dinge sind wie sie sind und ich ändere sie auch nicht“? Was, wenn es ein Umdenken gäbe, das beispielsweise Autos bald überflüssig machte?

Er fuhr ab. Der blutbesudelte Pelz klebte immer noch sehr präsent in seinen Gedanken und er war sich sicher, dass ein Negativ davon auf der Innenseite seiner Lider auf ihn wartete. Er schüttelte fast unbewusst den Kopf, wurde das Bild dadurch jedoch nicht los.

 

Er parkte ein und legte den Weg vom Parkplatz zum Eingang hastig zurück, mit hochgezogenen Schultern, ohne andere Personen zu grüßen. Er nahm die Treppe schnell und war froh, in seinem Büro alleine zu sein. Es war noch Zeit bis zum ersten Termin. Hannes setzte Kaffee auf, die Maschine brühte ihn mit gewohnt geschäftigem Röcheln, zuverlässig rann die braune Flüssigkeit in die Kanne. Es dampfte. Er startete den PC, lehnte sich im Stuhl zurück und schloss kurz die Augen.

 

Fred Müller erschien um 8:45 zum Personalgespräch. Er klopfte an, wurde hereingebeten und nahm am Tisch gegenüber von Hannes Platz. Fred Müller arbeitete in der Frühschicht, die Ringe unter seinen Augen waren dunkel, er huschte gebeugt und mit hängenden Schultern zum ihm zugewiesenen Stuhl. Er bewegte sich wie ein Mensch, der solche Räume nicht gewohnt war. Seine Arbeitskleidung war nicht mehr ganz frisch.

Fred Müllers Anliegen war eine Versetzung.

„Ich möchte nicht mehr an Position fünf arbeiten“, sagte er. „Ich arbeite seit drei Jahren durchgehend an dieser Position und habe Schulterschmerzen.“

Hannes sah den Mann über seine Brillenränder hinweg an. Er mochte Mitte vierzig sein und hatte eine fahle Hautfarbe.

„Position fünf also“, sagte Hannes.

Fred Müller nickte ohne eine Miene zu verziehen.

„Helfen Sie mir kurz“, sagte Hannes, „Position fünf, das ist das Entfernen der Köpfe?“

Fred Müller nickte wieder.

„Belastet das die Schultern?“, fragte er.

„Man muss die Köpfe heben, absetzen und dann an einen separaten Haken hängen. Die Köpfe sind schwer, man braucht viel Kraft“, erklärte Fred Müller.

Hannes lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück

„Ja, das braucht man. Aber wissen Sie, was auch schwer ist und Kraft erfordert? Das Häuten.“

Fred Müller sagte nichts.

„Würden Sie lieber zum Häuten?“, fragte Hannes.

Fred Müller schüttelte den Kopf.

„Man muss sich mit der ganzen Kraft an das Leder hängen, um es vom Fleisch zu bekommen. Die Messer werden schnell stumpf, dauernd muss man pausieren, um möglichst effizient zu wetzen. Dann gilt es, den Rückstand aufzuholen, schnell, mit noch mehr Kraft.“

Hannes machte eine Kunstpause.

„Was, wenn der Arbeiter von dort zu mir kommen würde, und sagen, dass er gerne leichter arbeiten würde? Würden Sie tauschen?“

Fred Müllers Blick wurde düster. Er schüttelte vorsichtig den Kopf. An seinen Ärmeln und seinem Kragen trocknete das Blut langsam an, durch die kurze Pause kam kein Frisches hinzu.

„Oder eine andere Frage. Wie denken Sie, dass ich an die Position gekommen bin, in der ich heute hier sitze? Etwa dadurch, dass ich aufgegeben habe, als es anstrengend wurde?“

Fred Müller war inzwischen vollkommen verstummt und zeigte keine Regung mehr.

Hannes macht eine Kunstpause. Er räusperte sich und richtete sich auf.

„Ihre Arbeit an Position fünf ist sehr wertvoll“, sagte er in nun eher bedeutungsschwerem, finalem Ton. „Jetzt haben Sie die nötige Routine. Es wäre eine Schande, Ihre Fähigkeiten nicht dort einzusetzen, wo sie am besten aufgehoben sind.“

Schweigen. Das Gespräch war zu Ende. Hannes rückte seine Brille gerade. Fred Müller sagte nichts. Dann stand er langsam auf und ging zur Tür, öffnete sie vorsichtig und ging hinaus, ohne sich noch einmal umzusehen. Er ging zurück an die Arbeit. Auch Hannes atmete durch und ging wieder über zum Tagesgeschäft, aber nicht ohne einen kurzen Blick durch das Fenster seines Büros in die Produktionshalle zu werfen. Seine Aussicht war die auf Position elf bis dreizehn; saubere Stationen kurz vor der Verladung des aufbereiteten Fleisches. An Haken, in Reih und Glied, hingen die geköpften, gehäuteten, ausgeweideten Rinder. Unter den Körpern sammelte sich das Restblut, das auch nach dem Ausbluten noch aus den Leibern troff, und wurde von den Füßen der umhergehenden Arbeiter auf dem Fliesenboden verteilt. Kleine Mulden mit Abflüssen gab es in regelmäßigen Abständen, doch es reichte nicht aus, um das Blut komplett aufzunehmen. Zwischen 500 und 600 Rinder konnten sie am Tag verarbeiten. Seine Firma war sehr effizient und einer der führenden Fleischproduzenten der Region. Ressourcen richtig einzusetzen war wichtig. Das wusste Hannes, deswegen war er, wer er war – wo er war.

 

Zwei Männer der Frühschicht hatten vor der Treppe zu Hannes Vorarbeiterbüro auf Fred Müller gewartet und nahmen ihn wieder in Empfang. Auch ihre Kleidung war von der verrichteten Arbeit mal mehr, mal weniger verschmutzt. Sie standen kurz beisammen und sprachen miteinander. Einer der Männer hatte ein langes Schlachtmesser in der Hand, er sah mit düsterem Blick kurz nach oben, entdeckte Hannes, ihre Blicke trafen sich für eine Millisekunde. Hannes trat schnell vom Fenster zurück und schloss die Blende. Er bewegte langsam die eingeschlafenen Hände. Dann wandte er sich vom Fenster ab und schenkte sich Kaffee ein.

 

Am Abend fuhr er nach Hause.

Einen Fuchs sah er diesmal nicht.

 

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