Der Professor

Die Bibliothek war sein Lieblingsort.


Ihre Tür knarrte, schwang jedoch schon bei leichter Berührung auf. Mit dem ersten Schritt hinein wurde man von ihrer staubigen, friedlichen Stille empfangen. Durch die Fenster fiel helles Nachmittagslicht und mit ihm ein paar Astschatten, Laubbewegung in leichter Brise als Schattenspiel an den Wänden. Es roch nach Wissen: trocken, würzig, nach griffigem Papier und patiniertem Holz. Keine Oberfläche war glatt. Astlöcher, Unebenheiten, Fugen, Staubkörner, oder die vielen Magazine, Schriften, Artikel die auf ihnen lagen boten haptische Abwechslung. Die verwinkelten Regalreihen waren vollgestellt bis auf das letzte Brett.
Seine Bücher waren thematisch sortiert, aber nur grob. Es gab kein Verzeichnis. Er war der einzige Herr seiner Unordnung. Brauchte er etwas, tat er zielgerichtete Schritte, griff beherzt ins Regal und hatte in der Hand, was zuvor im Sinn gewesen war. Unter den unzähligen Büchern glich keines dem anderen. Sie waren verschieden groß und verschieden dick, vom tischgroßen Folianten bis hin zu briefmarkenkleinen Ausgaben war alles vertreten. Ihre Einbände waren von verschiedensten Farben und ihre Titel in jeglicher Schrift gestaltet. Gebunden waren sie in Leder, Papier, einige in Schilf oder Folie, es gab nichts, was es nicht gab. Ihre Themen waren mannigfaltig und keines blieb unberührt. Er kannte alle seine Bücher beim Namen. Er wusste, was in jedem einzelnen von ihnen stand und sie sprachen zu ihm in sanften leisen Zungen.

Die Bibliothek betreten, hieß nach Hause kommen. Inmitten der Regale befand sich sein Refugium, zwei große gepolsterte Sessel, einladend, ebenfalls etwas staubig, aber bequemer als die meisten Betten, in denen er je geschlafen hatte. Zwischen ihnen ein kleiner Beistelltisch, auf dem der Tee serviert wurde – oder der Platz bot für ein Glas bernsteinfarbenen Cognacs, je nach Gelegenheit. Gerne empfing er hier Gäste. An kalten Abenden prasselte ein Feuer im Kamin und warf vielgestaltige frakturierte Schatten in den Raum, und goldenes Licht auf all die Bücherstapel, Türme, in die Regale mit ihren tausend Nischen und Nuten.

Seit sie ein kleines Kind gewesen war verbrachte Kerstin hier mit ihm die Zeit. Manchmal konnte er sie sehen, in ihrem winzigen Kleid durch die Gänge tapsend, staunend in den Nacken gelegter Kopf, Schnullerkette, entenbreiter Windelgang. Später dann auf einem der Sessel lümmelnd, die kurzen Beine noch weit entfernt vom Boden. Als Schulkind saß sie auf den Fensterbrettern und sah ihm neugierig zu, wie er seinen Bestand sortierte, etwas nachlas, oder ziellos durch die Regale schlenderte. Als Teenager lag sie auf dem Teppichboden vor den Sesseln und las ihre eigenen Bücher. Inzwischen war sie zur Frau geworden. Wenn sie ihn besuchen kam, unterhielten sich bei Tee vor dem Kamin oder im warmen Sonnenlicht des Raumes, durch das kleine Staubflocken tanzten. Es waren leichte, erfreut lächelnde Gespräche, die Bereicherung versprachen und ein warmes Gefühl im Brustkorb hinterließen.

Es war kein besonderer Tag, an dem die Vorkommnisse begannen. Der Morgen in der Bibliothek war hell und die Luft in den Sonnenflecken des Raumes angenehm warm. Ein gewisser Band fiel ihm ein, vor Jahren hatte er ihn zuletzt in der Hand gehabt, doch ihm verlangte nach seinen Worten und dem rauen Gefühl seiner Seiten. Er wusste genau wo er stand. Keine bestimmte Melodie summend schlenderte er die Regalreihen entlang an seinen Platz – und fand ihn leer.
Er stutzte. Forschend legte er zwei Finger in die Lücke im Regal und die Stirn in Falten. Dass das Buch nicht an seinem Platz war, war ungewöhnlich. Er dachte nach. Hatte er es am Kamin gelesen und in einem der turmhohen Stapel abgelegt? Lag es auf einem der Tische, von Papier begraben? Er löste seine Hand, die Finger waren staubig. Er sah sich um. Die Stille der Bibliothek hatte keine Antwort auf die Frage, die er nicht stellte.

Auch wenn ihn das Ereignis zunächst mehr beschäftigte, als er vielleicht zugegeben hätte, beschloss er, nicht viel darauf zu geben. Kerstin hatte ihm schon mehrmals einen Katalog für seine Bibliothek empfohlen, doch er hatte sich stets geweigert. „Ich schreibe mir doch auch nicht auf, wie ich mir die Zähne putze“, hatte er in gespielter Empörung erwidert und sie hatten gelacht. Nun, vielleicht sollte sie Recht behalten. Sie war sowieso klüger als er, praktisch, wo er Kopfmensch war, anpackend, wo er lieber noch einmal nachdachte.
Er klappte das Buch in seinem Schoß zu. Er konnte sich heute nicht mehr konzentrieren. Er trank seinen Tee aus, stand langsam auf und ging zurück zum passenden Regal. Er fand die Lücke für sein Buch und stellte es hinein. Das Buch fiel krachend um: Die Lücke war zu groß.

Kerstin kam zu Besuch. Sie tranken Tee am Kamin und das Gespräch verlief schleppend.
„Was ist los mit dir?“, fragte sie, ihr Lächeln leicht getrübt von Unsicherheit.
„Hm?“, fragte er. Er richtete sich im Sessel auf.
„Du bist gar nicht richtig da. Worüber denkst du nach?“
„Nichts im Besonderen“, sagte er bedacht und trank einen Schluck Tee. „Es ist nur…“
Kerstin versuchte seinen Blick zu erhaschen und festzuhalten, doch er sah nur in die Leere, ihr Gesicht ein hautfarbener blinder Fleck am Rande seines Gesichtsfeldes. Dann sah er sie an und lächelte zurück.
„Es ist Nichts. Es ist gar nichts. Schön, dass du hier bist.“
Er nahm ihre Hand und drückte sie. Kerstin sah verwundert aus, musterte ihn, drückte aber zurück, und zu seiner großen Freude lächelte sie weiter.

Sie ging erst, als es schon dunkel geworden war. Ihr Wangenkuss war flüchtig gewesen, die Umarmung dafür herzlich. Er hatte sie bis zur Tür gebracht und gestutzt, als er sie für sie öffnete: Sie ließ sich wesentlich schwerer bewegen als gewohnt. Als Kerstin hindurchgetreten war, zog er die Tür an der Klinke hin und her, beäugte das Scharnier. Er konnte nichts Ungewöhnliches feststellen und schloss sie vorsichtig.

Was ein kleiner nagender Gedanke gewesen war, schwoll in seinem Hinterkopf immer weiter an. Konnte es sein, dass einige seiner Bücher fehlten? Die Ungewissheit wurde mächtiger, im Sessel sitzend konnte er nur noch mit dem Fuß wippen, seufzen, sein Kinn abwechselnd in die beiden Hände stützen, an Lesen war nicht zu denken. Schließlich stand er auf. Er packte alle Bücher, die am Kamin lagerten, in einen großen Korb, und begann, Ordnung zu schaffen. Wie besessen ging er die Regale auf und ab, um alle Bücher an ihren angestammten Platz zu bringen. Doch auch das beruhigte ihn nicht, im Gegenteil: Auf seinem Streifzug fand er immer nur weitere Lücken, wo vor kurzer Zeit noch Bände gestanden hatten. Sein Atem wurde mechanisch, sein Herz eine flatternde Taube. Er stand mitten in der Bibliothek, die Stille dröhnend in seinen Ohren, ratlos. Es wurde kalt.

Kerstin war ein kluges Kind. Natürlich bemerkte sie seine Unruhe, seine Fahrigkeit, sein zuckendes Unterlid, wenn sie sich in der Bibliothek trafen.
„Sag mir, was dich so beschäftigt!“, beschwor sie ihn, nachdem er wieder einen Nachmittag lang nicht mehr als „Hms“ und „Ahjas“ von sich gegeben hatte und im Gespräch nur manchmal abwesend genickt.
„Kerstin“, sagte er unsicher und rieb sich die Stirn. „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Aber die Bücher verschwinden.“
„Wie, die Bücher verschwinden“, wiederholte sie und sah sich um. „Es sind doch alle an Ort und Stelle.“
„Es ist nicht offensichtlich“, erklärte er zögerlich. „Aber manchmal suche ich eines, und kann es einfach nicht finden.“
„Dann hast du es wohl verlegt“, sagte Kerstin lachend. „Sieh dir doch deine Unordnung an! Das ist doch normal.“
„Das stimmt“, sagte er nachdenklich, „aber früher wusste ich immer, wo ich sie hingelegt habe. Das ist jetzt anders. Sie sind weg.“
„Vielleicht hast du sie verliehen“, schlug Kerstin vor.
Er schüttelte langsam den Kopf.
„Nein, Kerstin“, sagte er, „das habe ich nicht.“
Kerstin schnaubte und fuhr sich durch das braune Haar.
„Naja, sie werden schon wieder auftauchen. Lass dich nur nicht so sehr von ihnen vereinnahmen.“
Sie stand auf und küsste die kahle Stelle auf seinem Kopf.
„Mach’s gut, Papa“, sagte sie, und nahm ihren süßen Duft mit und all ihr Licht, als sie ging.

Er versuchte, sich Kerstins Rat zu Herzen zu nehmen. Und beim Versuch blieb es. Es war nicht zu leugnen, dass er immer öfter die Bücher, die er suchte, einfach nicht mehr finden konnte, und dass ihm immer wieder Lücken in den Regalreihen begegneten. Er legte seine zitternden Finger hinein und versuchte mit aller Kraft zu ergründen, welche Bücher sie hinterlassen hatten, vergebens. Unruhig strich er durch seine Bibliothek, der ganz offensichtlich Substanz fehlte. Wie Karies marodierte der Bücherschwund durch sein Refugium, und er merkte, dass er nicht gerüstet war, den Befall zu bekämpfen. Durch die Lücken zog ein kalter Wind herein. Hoffnungslosigkeit machte sich in ihm breit. Er stand an seinen Regalen, räumte Bücher um, um die Löcher zu stopfen, jedoch nie so schnell, wie neue entstanden. Das Gewicht der verschwundenen Bücher lag schwer auf seinen Schultern und zwang ihn in die Knie.

„Bist du dir ganz sicher?“, fragte Kerstin, als er ihr zum ersten Mal die Lücken zeigte.
„Siehst du es denn nicht?“, fragte er zurück und sah sie ungläubig an.
„Ich bin mir einfach nicht sicher, ob du nicht übertreibst. So vollgestopft war die Bibliothek doch gar nicht.“
Sie sah sich nachdenklich um, Zweifel im Gesicht, und noch etwas Anderes, das er gerade nicht zuordnen konnte.
„Kerstin. Da standen Bücher, die mir lieb waren, und jetzt sind sie weg.“
Sie wirbelte herum. „Aber sind sie wirklich weg?“, fragte sie aufgebracht, „Hast du sie nicht einfach woanders hin geräumt oder verschenkt? Denk’ doch mal nach!“
„Ich denke seit Wochen nach“, sagte er, besiegt.
Sie schwiegen und hatten sich das erste Mal in ihrem Leben nichts zu sagen. Die Stille der Bibliothek legte sich auf ihre Schultern, nicht wie eine wärmende Decke, sondern wie eine schwere Last. Die Flammen im Kamin tanzten unruhig.

Der Abschied war so kühl gewesen, dass ihn fröstelte. Die Tür war inzwischen sehr schwer zu öffnen, er machte sie gerade so weit auf, dass Kerstin sich seitlich hindurchdrücken konnte. Nachdem er sie hinter ihr mit aller Kraft ins Schloss geschoben hatte, kehrte er zurück an den Kamin.
Das Feuer war weiterhin unruhig, fast, als würde es ziehen. In seinem Zwielicht erkannte er die Bibliothek beinahe nicht wieder. Klamm und fahrig hüllte er sich in eine Decke und hob den schweren Folianten vom Boden auf, in den er sich zurzeit vertiefte, um zu vergessen. Er atmete tief ein, spürte die Seiten zwischen seinen Fingerkuppen und die Ruhe, die ihn von ihnen aus durchströmte. Die Lider wurden schwer. Er wehrte sich nicht.
Er erwachte erst am nächsten Morgen. Seine Hände waren kalt. Das Kaminfeuer war heruntergebrannt, nur wenig Glut glimmte noch tief unter der Asche begraben. Es war ein trüber Tag mit wenig Sonne, der Wind pfiff, rüttelte an den Fenstern und fand an manchen Stellen seinen Weg hinein. Laub raschelte wie Buchseiten, die Astschatten tanzten unruhig an den Wänden. Müde richtete er sich auf und rieb sich die Augen. Er streckte sich, stand auf, drehte sich um –
Er erstarrte.
Alle Regale am Kamin waren leer.
Ein Schrei hallte durch die Bibliothek. Erst als er verstummt war, bemerkte er, dass es sein eigener gewesen war.

Die Panik in seiner Stimme musste sie alarmiert haben: Kerstin war sofort da. Mit wehendem
Mantel und klickenden Absätzen stürmte sie herein, die Frisur zerzaust vom Wind, eine Handtasche über der Schulter.
„Was ist los?“, rief sie, als sie ihn vorfand vor seinen leeren Regalen, „Was ist passiert?“
Angst stand in großen Lettern auf ihrem Gesicht. Sie schauerte im Mantel, den sie auch bei den letzten Besuchen schon nicht mehr abgelegt hatte. Sie sah sich um und die Leere spiegelte sich auf ihren Zügen.
„Sie sind weg“, sagte er mit brüchiger Stimme, den Tränen nahe, „Es müssen Einbrecher gewesen sein!“
Kerstin schluckte, auch in ihren Augen sammelten sich Tränen.
„Quatsch, Papa“, erklärte sie mit kaum merklichem Vibrato.
„Du hast wahrscheinlich einfach umgeräumt.“
„Habe ich nicht!“, schrie er und spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss, „Warum sollte ich, sonst finde ich mich ja nicht mehr zurecht!“
Kerstin schluckte. Entsetzt sah er, dass ihr Tränen über die Wangen rollten.
„Papa“, brachte sie hervor, „Es ist alles gut. Es kommen keine Einbrecher.“
„Was ist das hier?“, fragte er, besiegt.
Sie schnäuzte sich und packte das Taschentuch mit zitternden Händen zurück in ihre Handtasche. Sie schlang die Arme eng um sich. Beinahe ängstlich sah sie sich um im Zwielicht. Sie atmete tief durch und schloss die Augen.
„Ich muss jetzt in die Arbeit“, sagte sie dann, beinahe gefasst.
„Bitte bleib ruhig, Papa. Ich komme morgen wieder vorbei.“
Sie umarmte ihn. Dann drehte sie sich um und ging durch die hallenden Hallen davon, ohne sich erneut umzusehen.
„Geh nicht“, sagte er und seine Worte verloren sich in der Stille.
„Karin.“
Der Tee war kalt geworden.

Es wurde nicht mehr hell. Jeden Tag blieb es dunkel.
Er hatte die Bibliothek schon lange nicht mehr verlassen. Die Tür war zu und er war nicht stark genug, sie zu öffnen.
Wie ein gefallener König strich er in Decken gehüllt durch die fast leeren Regale. In manchen Winkeln fand er noch ein Buch, doch er hatte seit Wochen keines mehr aufgehoben um hineinzusehen. Er hatte keine Kraft dazu.
Eine kleine Flamme brannte im Kamin. Er speiste sie mit Buchseiten. Inzwischen tat es nicht mehr weh.
Ab und zu erschien eine Frau. Er wusste nicht, wie sie hereinkam. Am Anfang hatte er sie das gefragt. Irgendwann nicht mehr. Er hatte sie angeschrien, hatte sie gefragt, wo seine Tochter war. Sie hatte keine guten Antworten.
Auch heute war sie da. Sie war sehr still und sagte kaum etwas. Er starrte ins Feuer und sah manchmal knapp an ihr vorbei.
„Wo ist meine Tochter“, formte er einmal wieder langsam die Worte.
„Ich weiß es nicht“, sagte die Frau,
„Aber ich kann sehen, ob ich sie finde.“
„Das wäre sehr freundlich“, sagte er.
„Wie sieht sie denn aus“, fragte die Frau.
Er sah sie an. Er wusste es nicht mehr.
„Schön“, sagte er und weinte.
Die Frau weinte auch.
Irgendwann war sie weg.
Dass sie gegangen war, hatte er nicht bemerkt.


Er war allein und die Flammen wurden schwächer.

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