Gänseblümchen auf Grönland

„Okay“, hast du gesagt, und mit deinem schweren Stiefel im Eis gescharrt, was heißt Eis, es war Schnee eigentlich, zu frail, zu krümelig, zu gelöst in der hitzigen Wärme eines Frühlings, den es nicht geben dürfte.

„Okay“, hast du gesagt, und ich erstmal gar nichts, weil was hier ist okay? Nichts ist okay.

Wir standen da, die Fäustlinge in den Anoraktaschen, die Wangen rot von eisigem Wind und strahlender Sonne und reflektiertem Strahlen der Sonne und von Dingen, die wir nicht sagten, von Dingen, die wir fühlten, alle auf einmal und keines genug.

„Ja“, habe ich gesagt, und gehofft, dass du lächelst, aber du hast nur die Augen zu Schlitzen verengt und an mir vorbeigesehen, schneeaufwärts, Richtung Insel, weg vom Eisvogel (der kleinen Propellermaschine, die mich ausfliegen sollte und dich nicht).

Ich hätte so viel gegeben. Darum, mit dir bleiben zu können, mit dir die letzte zu sein, abzusperren, zu versiegeln ohne Widerkehr. Darum, mit dir bleiben zu können, nicht, weil jemand der letzte sein muss, sondern weil es immer weiter geht. Darum, mit dir bleiben zu können, weil Menschen zurückkehren, weil es noch Dinge zu entdecken gibt, Geheimnisse im Eis, in kühler Tiefe, unberührt. Zeitlos. So alt, dass der Zerfall von Atomen die Geschichten freilegt, und nicht der Zerfall ganzer Gletscher.

Ich hätte so viel gegeben darum, mit dir bleiben zu können, weil es eine Zukunft gibt. Zukunft auf Eis.

„Also dann“, hast du gesagt, und am liebsten hätte ich geschrien, „Dann was? Was dann?“ – Es gibt hier nichts mehr für uns! Uns nicht, das Eis nicht, die Insel nicht, unser Wissen nicht, wir sind eine aussterbende Art. Es ist ein Totenbett, und doch können wir nicht still liegen. Und doch hören wir nicht auf zu strampeln, zu schreien, es wäre so viel einfacher, es einfach hinzunehmen. Aber wir wandeln durchs Eis, Eis kann man es nicht mehr nennen, weil zu frail, zu krümelig, wir wandern durch Schnee, gelöst in der hitzigen Wärme eines Frühlings, den es nicht geben dürfte, und unsere Gesichter sind weiß, so weiß, wie die Insel früher war, und unsere Wangen rot, so rot, wie nichts hier jemals ist und auch nie sein sollte, höchstens der Anorak der wenigen, die auf dem Gletscher krabbeln wie Ameisen und ihm seine Geheimnisse abringen.

„Ja“, habe ich wieder gesagt, wie stumpf, wie glatt, wie unfassbar platt, ich habe es selbst kaum ausgehalten und auch meinen Stiefel in den Schnee gehackt, es hat gespritzt und was soll das, hier spritzt kein Schnee, hier pudert er, staubt, wird weitergetragen und setzt sich dann wieder, so ist es, wenn alles normal ist und alles gut.

„Bis nächstes Jahr“, hättest du gesagt, wenn es eines gegeben hätte. Doch alles sah danach aus, als wäre es der letzte Winter. Eiszeit vorbei. Dein nächstes Zelt würdest du aufschlagen in Wüstensand, denn es war keine Zeit mehr für den Blick in die Vergangenheit, es gab drängendere Probleme und auch in anderen Böden zerfallen Atome, nur sind die vielleicht noch fruchtbar und urbar und trächtig, nicht so wie die bloßen Felsen, die unter unserer liebsten Packschicht liegen. Und mich kommandiert man woanders hin, an einen Ort, der feucht ist und warm, so feucht und triefend warm, dass man sich den beißenden, reißenden, gleißenden Polarwind wünscht, der so weh tut, so weh, dass man lachen muss über die Unwahrscheinlichkeit des Ganzen.

Stattdessen sagtest du „Mach’s gut“, und natürlich meintest du nicht nur mich, sondern auch, was ich tat, und natürlich wusstest du, dass ich es so verstehen würde, denn so waren wir, und ich sah dich an und schrieb es in meine Handfläche, in diesem Ton, in diesem Duktus, in dieser Lage, in dieser Frequenz.

„Mach’s besser“, sagte ich, schaute auf das Eis und meinte natürlich nicht nur dich, sondern auch den Wüstensand, meinte den Ort, an den du gehst, die Dinge, die du erforschst, und natürlich wusste ich, dass du es so verstehen würdest, denn so waren wir, und du sahst mich an, und ich weiß nicht, was du damit machtest.

Am Ende haben wir uns doch noch umarmt. Der Wind fegte um uns her, er war nicht voller Eisstaub, er war einfach kühl und frisch und beliebig, und die Luft roch etwas muffig, nicht schneidend und unberührt, wie es war bei unserer ersten Landung. Wir hielten uns. Wir weinten. Es war ungefährlich, weil es nicht im Gesicht anfror. Uns war kalt, aber nicht existenziell kalt. Wir schluchzten, weil alles falsch war, und dann ließen wir los.

Ich bestieg das Flugzeug und setzte mich und lehnte nicht meine Stirn an die Scheibe, denn sie war zu kalt. Ich sah dich verschwinden – du standest auf einem Schneefleck, einer Scholle, wie der letzte Eisbär, und wie wir uns entfernten, sah ich, dass es eine Insel war, eine Insel im Gras auf dem Felsen im Meer auf der Welt.

Es ist Winter und es gibt Gänseblümchen auf Grönland.

Es ist Winter und wir sterben aus.

Ein Kommentar zu „Gänseblümchen auf Grönland

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