Nur ein Baum – eine ungehaltene Rede

Einreichung für „Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“ – ein Projekt anlässlich des 100. Geburtstags von Chrstine Brückner am Tag der Menschenrechte.

Meine Mutter schreibt mir eine aufgeregte Nachricht. Ich verstehe anfangs nicht einmal, worum es geht, ihr Ton ist aufgelöst und alles scheint zunächst ohne Zusammenhang.
„Ein letzter Gruß“, so der Wortlaut ihrer Nachricht, und dazu ein Bild. Es zeigt den Baum.
Der Baum ist eine stattliche Hainbuche, älter als ich selbst, und beschattet seit ich denken kann den Garten meiner Eltern. Er hat mein Kinderzimmer vor fremden Blicken aus dem Mietshaus gegenüber beschirmt und unter sich Platz geboten für Feste und Feiern, Picknickdecken voller alberner Teenager, zeitweise auch eine Hängematte inklusive rostigem instabilem Gestell. Im Herbst gab es Laub, im Wind gab es grünes Rauschen von Flüstern bis Urgewalt, im mondlosen Regen ein Gute-Nacht-Lied und nachttischlampenwarme Geborgenheit.

Leider steht der Baum nicht auf unserem Grundstück, sondern auf dem des Nachbarn. Und der will einen neuen Zaun bauen. Und sägt ihn deswegen gerade um.

Ich bin fassungslos. Im Rekordtempo durchlaufe ich die Trauerstadien nach Kübler-Ross.
„Das kann ja wohl nicht sein“, tippe ich.
„Spinnt der???“, schimpfe ich.
„Hast du mit ihm gesprochen? Muss das sein???“, lautet mein Verhandlungsversuch.
Meine Mutter antwortet nicht. Vermutlich ist sie mir gefühlsmäßig weit voraus.
„Es ist einfach nur unfassbar schlimm“, schreibe ich zuletzt, mit tauben Fingerkuppen.
Es bleibt die letzte Nachricht in unserer Unterhaltung. Die müden Finger meiner Mutter schweigen, und für den Rest des Tages bin ich mit meinem Baum allein.

Kurios, dass es auf einmal „mein“ Baum geworden ist, schließlich habe ich keinerlei Ansprüche auf ihn. Er steht auf dem Nachbargrundstück, und natürlich verfügt der Nachbar über ihn, ich bin kein Kleinkind und diese Tatsache ist mir sehr wohl bewusst. Aber dennoch: Er ist in jeder meiner Erinnerungen an mein Zuhause verwurzelt, haha, aber wirklich: verwurzelt. Wo ich meine Wurzeln habe, hat er seine. Wo er jedes Frühjahr seine sanften Triebe ausstreckt, habe auch ich die ersten zarten Knospen geschoben, irgendwann auch junges grünes Laub. Der Gedanke, dass wo sein Grün uns beschirmt hat in Zukunft eine Lücke sein soll, ist für mich kaum zu ertragen, und inzwischen verstehe ich auch, warum. Ich trauere um ein geliebtes Lebewesen.

Ich versuche es mit Rationalität. Es ist immerhin „nur“ ein Baum, aber leider ist es so leicht nicht. Ich habe die Lücke noch nicht gesehen, den grauen Vorstadthimmel, den das Fehlen meines Baumes entblößt, und daher kehrt meine Erinnerung immer wieder zu ihm zurück. Immer wieder wird der sich bildende frische Schorf des Akzeptierens abgerieben, und ich bin entsetzt, wie sehr mich das alles mitnimmt – es ist ein Baum! Nur ein Baum! Es muss mehr dahinter stecken als mein kindisches Empfinden, ein Anrecht auf ihn zu haben, auf Schattenstunden unter ihm, auf sein Grün vor meinem Kinderzimmerfenster.

Und natürlich steckt mehr dahinter.
Ich fühle mich ungerecht behandelt. Ja, ein Baum muss auf einem Grundstück stehen, und das gehört irgendjemandem, und damit auch alles, was darauf wächst. Aber genutzt[ profitiert?] hat den Baum nun einmal nicht nur der Nachbar. Genutzt haben ihn alle, an deren Grundstück er angrenzt, und auch die, in deren Garten nur eine halbe Stunde am Tag ein Fitzelchen seines Schattens fällt. In gewisser Weise gehört er uns allen, ist er Gemeingut. Ein Baum verspricht nicht nur ein wenig mehr Sauerstoff für eine Nachbarschaft unweit der vielbefahrenen ehemaligen Bundesstraße. Er kühlt die Luft und den Boden, er schafft Lebensräume, nicht nur für die kümmerlichen Farne, die zu seinen Füßen ums Überleben kämpfen, auch für die Tiere im Boden, die Tiere auf dem Boden, und nicht zuletzt – meine Eltern. Die Sommer werden wärmer werden, und trotz Markise wird das Fehlen des Baumes den Garten in naher Zukunft zur Wüste verurteilen. Man muss sich fragen: Hat der Nachbar den Schuss nicht gehört? Hat er seinen Kopf die letzten Jahrzehnte im Sand vergraben? Sollten wir nicht froh sein um jeden Schatten, jedes Grün, jedes Bisschen Natur in unseren versmogten, versiegelten, beton- und blechverseuchten Städten? Und nicht einknicken, weil das Laub zu mühsam wird?

Und dann – auf einmal – trifft mich die Erkenntnis. Ich habe die Ursache für meine schwelende Wut gefunden.
All das ist meinem Nachbarn einfach egal.

Es ist ihm egal, wer den Baum nutzt. Es ist ihm auch egal, was der Baum nutzt. Er verfügt einfach über sein Eigentum – weil er es kann. Er fällt den Baum, weil er das Recht dazu hat. Er fällt den Baum, weil er selbst alt ist, und ihn der kommende heiße Sommer nicht betrifft. Er fällt ihn vielleicht auch, weil er garnicht auf dem Grundstück wohnt, den Wohnblock, der darauf steht lediglich vermietet und daher keinen Bezug hat und keine Vorstellung von denen, die unter dem Baum verweilen, rasten, regenerieren.
Er fällt den Baum, weil er seinen Wert verkennt. Über Jahrzehnte ist er gewachsen. Ihn zu fällen dauert einen halben Tag.

Ich wünschte, es wäre nur eine traurige Familie, nur ein Reihenhausgarten, nur ein solitärer gefallener Baum. Wenn es so wäre, wäre es ein kleines, bürgertümliches Elend, und ich hätte mich damit nicht auf diese Bühne gewagt. Aber natürlich ist es ein kleines Bild für ein großes Ganzes. Natürlich geht es nicht um Nachbar Müller, sondern um eine Menschheit und Politik, die genau das große Ganze aus den Augen verliert. Die an die Vermeidung von gefallenem Herbstlaub denkt, wo es eigentlich um die vielen kommenden Sommer geht. Um den Lebensraum zwischen den Wurzeln. Um die Feuchtigkeit des Bodens im Schatten, jahrein, jahraus. Es geht darum, jetzt einen Keil zu werfen in ein unaufhaltsam weiterlaufendes Getriebe. Jetzt müssen Weichen gestellt werden, um die große Kollision zu vermeiden, und doch stört man sich mehr an der Nähe lebensaderntragender Wurzeln an irgendwelchen morschen, waschbetonbestuckten Fundamenten. Der Baum, den mein Nachbar fällt, ist Symbol für eine nachlässige, verantwortungslose Klimapolitik von Menschen, die die Entwicklungen verkennen oder sie bewusst vernachlässigen, weil andere, kurzfristige Interessen so viel dringender wirken. Er steht für ganze Politiker- und Unternehmergenerationen, die im Umgang mit unserem Lebensraum eine Nachlässigkeit an den Tag legen, für die man sie schon fast bewundern müsste, wenn das Thema nicht so traurig, brisant und überlebenswichtig wäre.
Es muss nicht einmal so abstrakt werden, und natürlich ist die Problematik auch nicht einmal im Ansatz auf Deutschland begrenzt. Wenn die Welt unser Grundstück ist, ist der Urwald ihr Garten, und auch an ihm wird ein Raubbau betrieben, dass einem nur Furcht und Elend werden kann. Wenn die Welt unsere Vorstadt ist, pusten weltweit Industrie und Energie ihre ätzenden Partikel auf unsere Terassen. Und wieder stellt sich die Frage: Woher nehmen sich Menschen das Recht? Wie können Einzelne an langen Hebeln ganze Völker, ganze Ökosysteme, einen ganzen Planeten zu Grunde richten? Warum wollen sie ihre Verantwortung nicht sehen? Warum lehnen sie diese ab?

Ich kann mir nur eine Antwort vorstellen.
Weil es sie vermeintlich nicht betrifft.
Und ja, es lebt sich leichter, wenn man all diese Gedanken und Implikationen einfach ablehnt. Wenn man sich in einer Position versteht, die man wohl irgendwie verdient haben muss, und die es jetzt auszunutzen gilt. Aber es macht mich krank. Im übertragenen Sinne, und auch im realen.
Man kann nur hoffen, dass die Menschen reagieren. Dass nicht noch mehr Dörfer in Deutschland von Flutkatastrophen weggewaschen werden müssen, damit die Menschen am Hebel verstehen, dass wir es nicht mit einem Zukunftsproblem zu tun haben, sondern mit einem der Gegenwart. Sind diese Menschen so stark, die eigenen Fehler einzuräumen und Konsequenzen daraus zu ziehen? Es wird sich zeigen.

Aber das ist weit weg von unserem Garten. Bleibt die Frage: Was tun wir Kleinen?
Den Kopf in den Sahara-Sand stecken, der bald vor viel mehr Haustüren zu finden sein wird als man sich noch vor einigen Jahren vorstellen konnte? Dem Nachbarn eine Brandbombe in den Briefkasten stecken? Weinen? Verzweifeln?

Mit diesen Fragen stehen wir vor unseren Lücken, der Sonne exponiert, die Zunge trocken am Gaumen klebend, und doch nicht nur deshalb sprachlos.
Und nachdem wir getrauert haben, geweint, unsere Wunden geleckt, unseren Frust herausgeschrien und die himmelschreiende Ungerechtigkeit beim Namen genannt, müssen wir aufstehen und handeln.

Meine Mutter schreibt mir eine aufgeregte Nachricht.
„Wir müssen eine Hainbuche pflanzen“, steht darin.
„Weißt du wie das geht?“, tippe ich zurück.
„Nein“, schreibt sie,
„aber es darf so schwer nicht sein.“

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